Bearbeiteter Auszug aus dem Kapitel

"Die Erkrankung der Schwester bzw. des Bruders zeigt lebensgeschichtliche Wirkung"

der noch unveröffentlichten Geschwister-Monographie

Reinhard Peukert (2020)

Ein Schwerpunktthema beim 2. bundesweiten Geschwistertreffen am 3. August 2019 in Wiesbaden war die Frage nach einem (möglichen) eigenen ererbten Risiko, psychisch zu erkranken. Reinhard Peukert nahm dies zum Anlass, den Geschwistern vorab einen Auszug aus seiner Monographie zu diesem Thema zur Verfügung zu stellen.

Nahezu alle in Deutschland und im Ausland befragten Geschwister berichten von einer Sorge, die sie sehr lange mit sich herumtragen: die Angst, selbst an einer psychischen Störung zu erkranken. Dies hat Newman bereits 1966 in der Studie zu jüngeren Brüdern von an Schizophrenie Erkrankten als eine wesentliche Belastung benannt, in vielen weiteren Studien wird diese Befürchtung als primäre Sorge angegeben.

Diese Angst tritt vornehmlich im Jugend- und frühen Erwachsenenalter auf, einer Zeitspanne, in der Neuorientierungen auf der Tagesordnung stehen, z.B. wegen des Berufs- oder Studieneintritts, sich vertiefenden Partnerbeziehungen etc. Da drängt sich als Mitgeschwister sehr leicht der Gedanke auf, darin begründete Belastungsreaktionen könnten Vor- oder Anzeichen für eine eigene psychische Erkrankung sein. Hinzu kommen die starken Belastungen aufgrund der psychischen Erkrankung der Schwester bzw. des Bruders und den damit verbundenen Begleiterscheinungen in der Familie und im Freundeskreis.

Auch der Autor dieses Textes kann sich noch gut daran erinnern, als er den Psychiater seines Bruders aufsuchte, um von ihm zu erfahren: ‚Werde ich gerade schizophren?‘ In einer zugespitzten Belas­tungssituation aufgrund der Rolle als junger Vater, den Ansprüchen des Studiums und einem der historischen Situation der Studenten- und Arbeiterbewegung geschuldeten überzogenen Engage­ment traten Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme sowie Tag- und Nachtschwitzen auf.

In dem allgegenwärtigen vermeintlichen Wissen um die genetische Komponente bei psychischen Erkrankungen darf wohl einer der Gründe für diese Angst der Mitgeschwister gesehen werden, wobei von ihnen das genetische Risiko zumeist überschätzt wird.

So hatten Stålberg u.a. (2004) in ihrer Studie diese Angst als allgegenwärtige bei Mitgeschwistern gefunden, und sie sehen darin eines der drei zentralen Themen der Geschwisterforschung (neben den geschwisterlichen Bindungen und den Bewältigungsmustern; ebenda S. 448). Sie stellten fest: Dafür hatten sich in der Vergangenheit Psychoanalytiker interessiert, aber nicht die psychiatrische Forschung; die ‚entdeckte‘ das Thema erst mit „today’s extensive genetic research“ (S. 455), mit anderen Worten: Die genetisch Forschenden wollten nichts über die subjektiven Belastungssitua­tionen der Geschwister herausfinden, sondern mit den erforschten Befunden ‚lediglich‘ ihrem Interesse an genetischer Verursachung nachgehen. Aus Sicht von Stålberg u.a. (2004) hat der ver­engende Blick auf die Genetik einen höchst negativen Effekt bei den Geschwistern: Das vermeintliche Wissen um die genetische Vulnerabilität führt zu einer deutlichen Verstärkung des subjektiven Belastungserlebens.

Statistisch gesehen haben die Geschwister von an Schizophrenie erkrankten Menschen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, eine psychische Störung aus dem schizophrenen Formenkreis auszubilden. In den meisten älteren Publikationen wurde auf einer relativ schmalen empirischen Basis von einer 10-fachen Wahrscheinlichkeit ausgegangen: 10% der Geschwister erkranken, bei ca. 1% in der Gesamt­bevölkerung. Die Geschwister teilen dieses epidemiologische Risiko mit den Kindern psychisch erkrankter Menschen, ebenso wie viele der belastenden bzw. sie positiv herausfordernden Erfahrungen.

Dies ist die eher historisch zu wertende Aussage, die nach wie vor Presseartikel prägt. Neuere Studien kommen zu anderen Ergebnissen, wobei die Prozentsätze auf keinen Fall als genetisches Risiko im Sinne von ‚Anlage‘ missverstanden werden sollten, siehe unten.

In Holland haben Klaassen u.a. (2013) neben anderen Gruppen auch 813 Geschwister von psychisch, aber nicht an affektiven Störungen Erkrankten auf deren Risiko untersucht, depressive und (sub) klinische psychotische Symptome zu zeigen und mit einer Kontrollgruppe verglichen. Die Geschwister hatten ein größeres Risiko, im Laufe des Lebens an einer Depression zu erkranken als Personen der Kontrollgruppe, aber für depressive Verstimmungen (depressive mood) sahen sie keine Unter­schiede. Eine höhere Anzahl an depressiven Symptomen war assoziiert mit (sub)klinischen Negativ-Symptomen, die bei Schizophrenien beobachtet werden.

Alanen hatte 1966 eine ungewöhnliche ‚Kontrollgruppe‘ gewählt, daher wird diese Studie hier be­rücksichtigt: Er wählte Geschwister von Menschen mit neurotischen Störungen. Während er unter den Geschwistern von an Schizophrenien Erkrankten 8% identifizierte, die ebenfalls unter dieser Störung litten sowie 12% mit weiteren schweren Störungen, fand er unter den Geschwistern neurotisch Erkrankter jeweils 0%.

In Israel wurden im Jahr 2014 landesweit alle Geschwister von an Schizophrenien, an schizo-affektiven Störungen, sowie an unipolaren Depressionen Erkrankten ermittelt, die nach 1970 geboren wurden. Deren Diagnosen wurden mit einer sehr großen Kontrollgruppe vergleichen (je Geschwister vier Kontroll-Probanden mit gleichem Alter und Geschlecht) (Popovic u.a. 2018).

Für die Geschwister der Erkrankten errechneten sie, im Vergleich zur Kontrollgruppe, deutlich erhöhte Risiken, wegen einer psychiatrischen Krankheit hospitalisiert zu werden (Popovic u.a. 2018, S. 440):

Figure 1 Risk of psychiatric hospitalizations in siblings of patients diagnosed with different psychiatric disorders.
Legend: SZ= Schizophrenia, SAD= Schizoaffective disorder, BD= bipolar disorder, UD= unipolar depression* po0.05.

Das mit der Gesamtbevölkerung verglichene Risiko, als Bruder oder Schwester an einer klinisch behandlungsbedürftigen Psychose zu erkranken, ist bei einem an einer schizo-affektiven Störung erkrankten Geschwister extrem hoch: Es ist um das 19-24-fache erhöht!

Zu deutlich niedrigeren Werten kommt die größte Studie, bei der die gesamte Bevölkerung von Taiwan die Grundgesamtheit bildete (Cheng u.a. 2018), und bei der nicht nur die hospitalisierten, sondern auch alle ausschließlich ambulant behandelten Geschwister berücksichtigt wurden. Die Daten wurden dem nationalen Gesundheitsregister entnommen; ambulant Behandelte wurden berücksichtigt, soweit sie mindestens zweimal entsprechend diagnostiziert wurden, um potentielle Diagnose-Fehler auszuschließen. Als Probanden wurden aus dem Bevölkerungsregister alle Personen gezogen, die seit dem 01.01.1890 geboren wurden und zwischen 2001 und 2010 behandelt wurden. Außerdem wurden aus dem Register deren Geschwister gezogen. Identifiziert wurden 151.650 Erkrankte und 227.967 Verwandte, davon 78.603 Geschwister. Als erhöhtes Risiko der Geschwister zu erkranken (im Vergleich zu Geschwistern ohne eine erkrankte Schwester bzw. einen erkrankten Bruder) wurde ermittelt: für Schizophrenien 7,75 (10-11)[1]; für Bipolare Erkrankungen 3,74 (7-9); für Major Depression 2,16 (6-7); für ASD (Autism Spectrum Disorder) 3,25; für ADHD 1,17.

Mit einem vergleichbaren Design haben Chen u.a. (2019) die Risiken der Geschwister von Personen erhoben, die an einer bipolaren Depression erkrankt waren. Sie identifizierten 87.639 Patienten mit dieser Erkrankung und deren 188.290 Verwandte ersten Grades. Sie fanden für die Geschwister ein relatives Risiko für Schizophrenie von 3,89 (6-9)[2]; für eine Bipolare Erkrankung von 7,26 (12); für eine unipolare Depression von 3,31, für ASD 2,51 und für ADHD von 1,81.

In beiden Studien lagen die relativen Risiken für Schizophrenien und Bipolare Erkrankungen bei den Geschwistern höher als bei den Kindern psychisch erkrankter Menschen; bei den Geschwistern von an Schizophrenien Erkrankter galt das auch für unipolare Depressionen bei den Schwestern und Brüdern.

In einer weiteren Studie (Huang u.a. 2019) wurden in Taiwan 3.135 vor 1990 geborene Geschwister an Schizophrenien erkrankter Personen von 1996 bis 2011 begleitet und mit einer alters-, ge­schlechts- und Geburtsjahr-gleichen Gruppe mit dem Fokus auf Typ 2 Diabetes und Herzerkran­kungen verglichen. Dabei wurden für Schlaganfälle oder Infarkte kein, für Typ 2 Diabetes und Bluthochdruck ein deutlich höheres Risiko gefunden. Bei geschlechtsspezifischer Auszählung zeigte sich: Das erhöhte Risiko tragen nur die Schwestern![3]

Tsao u.a. (2019) interessierten sich für das kardio-metabolische Risiko von Geschwistern, deren Schwester bzw. Bruder eine bipolare Erkrankung hatten. In diesem Falle wurden 7.225 Geschwister begleitet, die wie oben gematchte Vergleichsgruppe waren 28.900 Personen. Bei diesen Erkrankun­gen waren es die Brüder, die ein deutlich erhöhtes Risiko für Dyslipidemi (Fettstoffwechselstörung), frühere Erkrankungen an Typ 2 Diabetes und erhöhte Schlaganfallraten aufwiesen.

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[1] In der Klammer jeweils die Werte aus der israelischen Studie.
[2] Siehe vorherige Anmerkung
[3] In einem Kapitel der Monographie wird auf Geschlechtsunterschiede z.B. im Belastungserleben eingegangen.

 

Die Autoren der Studien aus Israel und Taiwan zielen auf die genetische Komponente der psychischen Störungen und sie sehen sich darin mehrfach bestätigt.
Aber: Alle genannten Studien machen Aussagen über die Prävalenz (Häufigkeit), sie sagen jedoch nichts aus über Verursachung und/oder Auslöser, obwohl dies immer wieder so ausgelegt wird.

Interessegeleitete Presseerklärungen wie ‚Gentest sagt Depressionsrisiko für Kinder und Jugendliche voraus‘ (MPI 2019) sind geeignet, dieses Missverständnis massiv zu verstärken! Sehr lesenswert ist auch die Kritik an der Studie und an der Presseerklärung von Stefan Schleim (2019).

Greg Gibson, einer der herausragenden Genetiker, bringt es auf den Punkt: „correlation is not causation“ (Gibson 2011).
Mit anderen Worten: Selbst dann, wenn große, mehrere tausend Personen einschließende genetische Studien das gleichzeitige Auftreten von bestimmten genetischen Eigenschaften und bestimmten Krankheiten nachweisen (Korrelation), so ist dies noch lange kein Beweis dafür, dass diese genetischen Besonderheiten die Ursache der Erkrankung sind (Kausalität).
Der Zusammenhang ist ein anderer. In vielen genetischen Studien wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass zu den jeweils gefundenen genetischen Veränderungen zwingend Umwelteinflüsse hinzu treten müssen, damit der Übergang vom Risiko zur Erkrankung erfolgen kann.
Wie im nächsten Kapitel ausgeführt dürften die besonderen Belastungen von Geschwistern psychisch Erkrankter die wesentlichen Umwelteinflüsse sein, die zu den erhöhten Raten psychischer Erkrankungen bei den Geschwistern führen.
Diese Aussagen gelten für die übergroße Zahl von psychischen Erkrankungen. Auf die sehr seltenen Fälle von über Generationen hinweg auftretenden familiären Häufungen von einzelnen psychischen Erkrankungen wird im Exkurs eingegangen.

Unterstrichen wird Gibsons’s Aussage durch eine Metastudie mit 12 Zwillingsstudien zum Auftreten von schizophrenen Erkrankungen. Die ebenfalls sehr renommierten Genetiker Sullivan, Kendler und Neale kamen bei ihrer Analyse zu der für sie ziemlich unerwarteten Feststellung, dass ihre Ergebnisse „support a view of schizophrenia as a complex trait that results from both genetic and shared environmental etiological influences“ (Sullivan u.a. 2003).

Geschwister könnten sich die Frage stellen, besteht für mich (z.B. als Bruder eines an Schizophrenie Erkrankten) ein 10-11-fach oder nur ein 7,75-fach erhöhtes genetisches Risiko, im Sinne von ‚angeboren‘, selbst daran zu erkranken? Oder gibt es Studien, nach denen das Risiko höher oder niedriger liegt? Bereits die Fragestellung geht von einer falschen Voraussetzung aus, dass nämlich die gefundene Häufigkeit bei Geschwistern genetisch bedingt sei.

Aber selbst wenn man dem genetischen Missverständnis folgt: Sich selbst als individueller Person ein genetisches, im Sinne von unabdingbar angeboren verstandenes Risiko zuzumessen ist keinesfalls hilfreich – denn woher kann ich wissen, ob ich zu der Minderheit der irgendwann einmal Erkranken­den oder der 90%-igen Mehrheit unter den Geschwistern gehöre, die ihr gesamtes Leben lang keine Schizophrenie ausbilden werden?

Dyson (1989) formulierte, was auch noch zu Beginn des jetzigen Jahrhunderts galt: „Auch heute kann … aufgrund der mehrfaktoriellen Genese psychischer Störungen – selbst unter Einbeziehung aller bekannten individuellen wie situativen Umstände – keine befriedigende Antwort gegeben werden, warum ggf. das eine Geschwister erkrankt und das andere nicht.“

Zu den wirkungsstarken ‚situativen Umständen‘ zählt das Belastungserleben der Geschwister.

Schon bei einer der ersten Untersuchungen von Marsh u.a. (1993a S. 10) wurden als persönliche Risiken eigene psychische Probleme, insbesondere Depressionen und Angststörungen als Reaktion auf die Belastungen zu Protokoll gegeben. In Interviews (Bach 2019) sprechen die sich als besonders belastet erlebenden Geschwister von Situationen, die sie als traumatisierend erlebt haben; Claudia Bach nennt diese Erfahrungen ‚Intrusionen‘. Bis auf eine Schwester berichteten alle anderen sechs von psychiatrisch relevanten Auswirkungen: Panikattacke, Angststörung, selbstverletzendes Ver­halten, Posttraumatische Belastungsstörung, Suchtverhalten, unterschiedliche psychosomatische Beschwerden (ebenda).

In dem vollständigen, hier nur auszugsweise vorgestellten Kapitel der Monographie wird in einem Exkurs – insbesondere mit Blick auf die Geschwister – der gegenwärtige Forschungsstand zum Einfluss von Genetik, Epigenetik sowie der (sozialen) Umweltbedingungen in Relation zueinander gesetzt, mit der herausragenden Rolle der (sozialen) Umweltbedingungen als Ergebnis der Zusammenführung der Studien.

Danach gibt es gute Gründe, bereits ‚genetisch‘ und ‚angeboren‘ anders zu verstehen, wenn man einen Blick auf die in diesem Exkurs referierten Studien zur Epigenetik wirft. Dort wird die Aufmerksamkeit auf die ‚biologische Einbettung sozialer Erfahrungen‘ in Form der Aktivierung bzw. des Stummschalten einzelner Gensequenzen des Genoms in Relation zu sozialen Erfahrungen und sonstigen Umwelteinflüssen gelenkt. Diese Einbettung entfaltet fortan Wirkung für das Individuum. Unumstritten ist überdies, dass schwerwiegende belastende Erfahrungen und Einflüsse, insbesondere erlebte Traumata, generationsübergreifend weitergegeben werden können, wobei in der Forschung derzeit noch verschiedene Ansätze verfolgt werden, wie diese Weitergabe erfolgt. Ohne hier tiefer in diese komplexen und hochaktuellen Zusammenhänge einzudringen gibt es ausreichend Hinweise auf diese herausragende Rolle der (sozialen) Umweltbedingungen.

In zwei Studien wurde der Zusammenhang von Belastungen aufgrund der Erkrankung in der Familie mit der Entwicklung von Depressionen bei den anderen Familienmitgliedern untersucht, Geschwister wurden nicht getrennt ausgezählt. Krautgartner u.a. (2005) fanden: „Jene Angehörigen, die den Patienten häufig beaufsichtigten, die sich wegen des Patienten häufig Sorgen machten, und die den Patienten oft zu motivieren versuchten, zeigten gehäuft Hinweise auf Depressivität.“ (S. 153)
Das Australische Institut für Familienstudien benennt ausdrücklich auch für die untersuchten Mitge­schwister eine erhöhte Rate an Depressionen, und zwar im Gegensatz zu Smith u.a. (2014) unab­hängig vom Umfang an Unterstützung, die sie für das erkrankte Geschwister leisten (Edwards u.a. 2008). Smith u.a. (2014) haben in einer für England repräsentativen Studie für alle Personen, die sich als informelle Helfer, als Kümmerer, als ‚carer‘ für einen kranken oder behinderten Familienange­hörigen (nicht beschränkt auf psychische Erkrankungen) engagieren, deren Risiko für eine psychische Erkrankung erhoben. Das interessante Ergebnis: Die Einschränkungen bei der psychischen Gesund­heit der Befragten variiert mit dem Umfang des Kümmerns; ab 10 Stunden in der Woche steigen die Werte für psychische Erkrankungen stark an.

Die Studienergebnisse können so verstanden werden:

Die von den Mitgeschwistern erlebten Belastungen sind ein wesentlicher Faktor für die in der israelischen und den taiwanesischen Studien gefundenen Erkrankungshäufigkeiten – und dies steht im Einklang mit den Ergebnissen namhafter Genetiker (siehe: … und was die Daten bedeuten).

In der Monographie werden tiefgreifende Dilemmata und Ambivalenzen beschrieben, die die Lebenssituation vieler Geschwister prägen und die bei allen Geschwistertreffen angesprochen werden. Da sollte es nicht verwundern, wenn daraus für einige von ihnen eine unhaltbare Situation entspringt, die mit Manfred Bleuler wie folgt beschrieben werden könnte: „Nach unserem heutigen Wissen bedeutet Schizophrenie in den meisten Fällen die besondere Entwicklung, den besonderen Lebensweg eines Menschen unter besonders schwerwiegenden inneren und äußeren Bedingungen, welche Entwicklung einen Schwellenwert, einen ‚point of no return‘ überschritten hat, nach welchem die Konfrontation der persönlichen inneren Welt mit der Realität und der Notwendigkeit zur Vereinheitlichung zu schwierig und zu schmerzhaft geworden ist und aufgegeben worden ist.“ (Bleuler 1987)[4].

Zu objektiv schwierigen äußeren Bedingungen gehört u.a. ein Leben in relativer Armut. Dies zeigt globale Wirkungen, was die Metastudie von Ribeiro u.a. (2017) belegt. So wurden in einem Länder­vergleich deutliche Unterschiede bei Neuerkrankungen gefunden, wobei die Unterschiede im Ausmaß von Neuerkrankungen zwischen den einzelnen Ländern mit der Spreizung zwischen Arm und Reich in diesen Ländern korreliert: Ist die Spreizung stark ausgeprägt liegt die Neuerkrankungsrate deutlich über der von Ländern mit geringeren Abständen zwischen Reichtum und Armut.

So erscheinen selbst die sog. genetischen Risikoanteile in einem völlig anderen Licht, nämlich als zum Teil durch – auch soziale – Umweltbedingungen vermittelt und daher auch beeinflussbar und nicht für immer und ewig genetisch verankert.

Die herausragende Rolle der sozialen Umgebung für die Entwicklung einer psychischen Erkrankung hat bereits im vergangenen Jahrhundert – lange vor dem Zeitalter der Epigenetik – eine finnische Adoptionsstudie nachgewiesen. Über viele Jahre hinweg wurde die Entwicklung adoptierter Kinder von an Schizophrenie erkrankten Müttern verfolgt, deren Kinder von unterschiedlichen Familien adoptiert wurden (Tienari u.a. 1994). Die sozio-emotionalen Lebensbedingungen und die Dynamik in der jeweiligen Adoptiv-Familie scheinen viel eher darüber entschieden zu haben, ob eines der Kinder erkrankte oder nicht: In den Familien mit belastenden Strukturen erkrankten die Kinder signifikant häufiger als das Geschwister in jenen Adoptiv-Familien, die sich durch ein positives Familienleben auszeichneten.

Die sozialwissenschaftlich-epidemiologisch erhobenen Ergebnisse können heute im Licht der Epi­genetik biologisch erklärt werden. Allerdings ist aus heutiger Sicht den Umweltfaktoren eine noch viel größere Bedeutung beizumessen als es die finnische Studie nahe gelegt hatte.

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[4] Das Zitat entstammt einem Brief von Manfred Bleuler an Klaus Dörner vom 18.02.1984, den er selbst in einem Buchbeitrag veröffentlichte.

Unabhängig davon, welche Erkenntnisse die Forschung insgesamt und im Besonderen zu den Mechanismen der transgenerationellen[5] Weitergabe von Belastungen und Traumata in der Zukunft noch liefern wird, eines zeichnet sich bereits heute überdeutlich ab: die verhängnisvolle Rolle, die das Schweigen über diese Traumata spielt – und das gilt für individuelle Traumata genauso wie für kollektive Traumata – weltweit, in allen Kulturen.

Der Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Peter Pogany-Wnendt ist ein Kind von Holocaust-Überlebenden. Aus seiner Sicht ist die intergenerationelle, möglicherweise epigene­tische Übertragung die Folge eines selbst auferlegten Schweigegebots, was er mit seinen eigenen Erfahrungen unterfüttert.

Laut Pogany-Wnendt (2012) führt das schwere Erleben des Holocaust zum Abbruch bzw. der Ver­weigerung von Gesprächen in den Familien. Er erklärt sich sein eigenes Erleben in Analogie zu den epigenetischen Effekten des Hungerwinters in den Niederlanden 1944/45[6]. Schweigen die Eltern ihren Kindern gegenüber zu ihrem schwer belastenden bis traumatisierenden Erleben, wird dieses Erleben in die Seelen der Kinder transplantiert, was sich u.a. in den Träumen der Kinder wider­spiegelt[7].

Auch andere Kinder von Holocaust-Überlebenden berichten von einer besonderen Form inter­generationeller Weitergabe von Erlebnissen. Sie empfinden immer wieder die gleichen Gefühle von hilflosem Ausgeliefertsein wie ihre Eltern während des Holocaust – nicht ‚obwohl‘ die Eltern nie darüber gesprochen haben, sondern gerade ‚weil‘ die Eltern ihre schrecklichen Erlebnisse mit einem Schweigegebot belegt haben.

Pogany-Wnendt sagt von sich, er habe das Leid der Eltern im Holocaust zu seinem gemacht, bis er in einem Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust (PAKH) die transgenerationellen Auswirkungen des Holocaust auf seine Entwicklung besser erfasst und verstanden habe. „Heute fühle ich mich besser in der Lage, mich vom Leid meiner Eltern abzugrenzen. Als Kind habe ich ihn (den Holocaust, R.P.) zu meinem Leid gemacht. Dadurch kann ich (heute) meine selbstbestimmte Identität besser zum Zuge kommen lassen. … Ich habe in PAKH auch gelernt zu verstehen, welche schwere Last die Kinder der Täter und Mittäter tragen. PAKH ist vor allem eine Dialog-Gruppe“, in der Täter- und Opfer-Kinder miteinander sprechen (Pogany-Wnendt 2012).

Die herausragenden negativen Effekte, wenn über die belastenden Erfahrungen nicht gesprochen wird, sind bereits in den allerersten und dann in nahezu allen Studien zur transgenerationellen Übermittlung des Holocaust-Traumas angesprochen worden, und bereits in den 1960er Jahren begannen die inzwischen erwachsenen Kinder der zweiten Generation damit herauszufinden, was es bedeutet, Kind eines Holocaust-Überlebenden zu sein. Es bildeten sich „Awareness Groups“, in denen die Kinder der Überlebenden ihre Gefühle mit jenen herauszufinden suchten, die die gleichen Erfahrungen hatten. Im November 1979 fand in den USA die erste Konferenz der Kinder der Holocaust Überlebenden statt, worauf es in den gesamten USA zur Gründung regionaler Gruppen kam. Mit anderen Worten: Pogany-Wnendt ist ‚ein typischer Fall‘. Das gilt auch für sein wissenschaft­liches Arbeiten, denn viele Kinder der Überlebenden haben ihren Blick über ihr individuelles Leiden hinaus gerichtet, indem sie „proactively commemorate the lives and way of life lost during the Holocaust“ (Shoah Resource Center 2019) in Form der Beteiligung an historischen Studien, in der Unterrichtung der Öffentlichkeit über den Holocaust und im Kampf gegen dessen Leugnung.

Andere Nachkommen der 2. und 3. Generation setzen sich mit ihren ambivalenten Gefühlen und dem Schweigen auseinander, indem sie sich künstlerisch betätigen. So z.B. Rita Goldberg, die sich befreit fühlte, nachdem sie die Geschichte ihrer Mutter im Holocaust aufgeschrieben hatte. „By narrating her story, I have found my voice. It is helping all of us move forward.“ (Goldberg 2014) Bina Nir (2018) untersuchte die ‚Transgenerational transmission of Holocaust trauma and its expressions in literature‘, und auch sie sieht „that writing itself has the potential to heal”. Sie zitiert Tikva Natan (1981): „(A) dominant characteristic of second-generation families is the ‚conspiracy of silence’. … In many such families, there was an ‚unspoken agreement’ not to discuss the traumatic events of the Holocaust, most often out of the desire to protect the children. Despite this, the children tended to perceive this silence as emotional distance, which affected the quality of the relationship between parents and children.”

Kollektive Traumata von Russland und der Ukraine bis Mittel- und Nordamerika und ihre Expression in der (audio)visuellen Kunst haben Janett Reinstädler und Oleksandr Pronkevich (2018) im Blick. Über alle kulturellen Unterschiede hinweg nehmen sie die Traumata wahr „as a highly disconcerting form … of ‚not-knowing’, that hides behind the non-rememberable, the invisible and unspeakable” und beleuchten die unterschiedlichen künstlerischen Annäherungen an ‚das Unaussprechliche’.

Um jedwede Missverständnisse zu vermeiden: Hier wird keinesfalls behauptet oder nahegelegt, das Erleben von Mitgeschwistern sei auch nur im Entferntesten mit der intergenerationellen Weitergabe der Last des Holocaust zu vergleichen; so wie der Holocaust sind auch die Effekte auf die Kinder und Kindeskinder von einer unvorstellbaren Einmaligkeit und jegliche Vergleiche verbieten sich. Die Studien wurden hier referiert, da über sie die Dramatik der transgenerationellen ‚Vererbung‘ sowie des innerfamiliären Schweigens wie unter einem Brennglas heraussticht[8].

Dennoch sei an dieser Stelle eine Spekulation erlaubt. Abgeleitet von den referierten Studien spricht einiges dafür, dass auch die viele Menschen traumatisierenden Ereignisse unserer Tage – Kriege, Flucht und Völkermord, Natur- und Technikkatastrophen u.a. – ihre Spuren weit über die direkt betroffene Generation hinaus hinterlassen werden.

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[5] In einigen Texten wird an Stelle von ‚intergenerationell‘ der Begriff ‚intergenerativ‘ verwendet; beide Begriffe sind bedeutungsgleich. Dasselbe gilt für ‚transgenerationell‘ und ‚transgenerativ‘.
[6] Diese und andere Studien zu generationenübergreifenden Effekten werden im Exkurs referiert.
[7] siehe vorherige Anmerkung
[8] Während des Schreibens taucht die Frage auf: Weiß irgendjemand etwas über die Geschwister der psychisch Erkrankten, die in Nazi-Deutschland der Euthanasie zum Opfer fielen?

Obwohl der hier gewählte Ausschnitt zur ‚intergenerationellen Weitergabe‘ einmal mehr die heraus­ragende Rolle von Eltern für das Erleben und Wohlbefinden der Nachgeborenen betont, darf diese nicht als Argumentationsfolie für Schuldzuweisungen missbraucht werden.

Als Illustration für eine empfehlenswerte Einordnung des eigenen Erlebens als Mitgeschwister in die hier explizierten Zusammenhänge mögen die Überlegungen von W. Thomas Boyce[9] dienen. Auch für ihn ist die intergenerationelle Weitergabe der Schlüssel, um sich die psychische Erkrankung seiner Schwester zu erklären. Dabei hat er sich intensiv mit der Frage beschäftigt, welche familiären Be­dingungen bei seiner Schwester schließlich zu einer psychischen Erkrankung und zum Suizid führten. Er fand die Antwort im Zusammentreffen der besonderen, sozialisationsbedingt über Generationen entstandenen ‚Altlasten‘ seiner Mutter mit den Besonderheiten einer Tochter, die ihre eigene subjektive Geschichte in die Mutter-Tochter-Beziehung eingebracht hat. Daraus entstand „die problematische und leicht explosive Kombination einer verletzten Mutter und einer Orchideen­tochter…“ (Boyce 2019, S. 256; das Kapitel ‚Mary und ihre Mutter‘ kann nur aufs Wärmste empfohlen werden, S. 253-258).

Die ‚eigene subjektive Geschichte‘ seiner Schwester hat sich spiralförmig herausgebildet, die seiner Mutter ebenfalls. Bei Beiden ist die Entwicklung durch ein ständiges Wechselspiel zwischen jeweils sozio-genetisch erworbener ‚Ausstattung‘ und aktueller sozialer Umwelt definiert. Dabei werden die Umwelterfahrungen nicht nur qua Epigenetik biologisch eingeschrieben; diese Einschreibungen, diese neu gewonnene ‚Ausstattung‘ beeinflusst wiederum, welche Wirkungen die darauf (in Sinne von danach) eintretenden Umwelteinflüsse entfalten können.

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[9] W. Thomas Boyce ist Professor für Pädiatrie und Psychiatrie an der University of California, darüber hinaus forschte er mehr als 20 Jahre an der Berkeley School of Public Health. Sein Interesse an dem Zusammenwirken neurobiologischer und psycho-sozialer Prozesse bei Kindern ist in seiner persönlichen Erfahrung als Bruder einer im jugendlichen Alter psychisch erkrankten Schwester motiviert, die sich mit 54 Jahren das Leben nahm.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind die von den Mitgeschwistern subjektiv erlebten Belastungen der Hauptmotor, der die Vererbungsangst anfeuert – unterfüttert von weiteren Verstärkern.

Im weitaus umfangreichsten Teil der Monographie werden diese subjektiv erlebten Belastungen der Mitgeschwister qualitativ beschrieben, die in einigen Studien quantifiziert wurden. So klagten z.B. in der Studie von Jungbauer u.a. (2001) neun von zehn Angehörigen vor allem über psychische Be­schwerden wie Grübelei, innere Unruhe, Reizbarkeit oder Mattigkeit sowie Schlafstörungen. Bei Geschwistern von an Schizophrenien Erkrankten nennen 66,7% negative Auswirkungen der Erkran­kung auf ihr eigens Wohlbefinden in Form psychischer Probleme und 20% berichten von somatischen Beschwerden (Maurin u.a. 1990, S. 102; dies entspricht den Werten von Lively u.a. 1995). In der Studie von Schmid u.a. (2005a) berichten zwei von drei Mitgeschwistern von eigenen psychischen Problemen.

Auf die Hypothese von Stålberg u.a. (2004) wurde bereits hingewiesen; aus deren Sicht führt das vermeintliche Wissen um die genetische Vulnerabilität zu einer deutlichen Verstärkung des subjek­tiven Belastungserlebens. Dies ist mit hoher Wahrscheinlichkeit zu ergänzen: Trifft das beschriebene belastende Erleben auf die allgegenwärtige Debatte um die Genetik bzw. Vererbung psychischer Erkrankungen, folgt geradezu zwangsläufig die Frage: Bin ich auch schon dabei, psychisch zu erkranken?

Haben Mitgeschwister erst einmal die Frage einer möglichen eigenen psychischen Erkrankung aufgeworfen, richten viele von ihnen ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst, um herauszufinden, ob sie bereits etwas Symptomatisches an sich entdecken. Dies verstärkt die Vererbungsangst zusätzlich. Eltern unterstützen diese Ängste noch, wenn sie – ob bewusst oder nicht – ihre gesunden Kinder auf Krankheitszeichen hin beobachten (Schmid u.a. 2005a, S. 742).

Auf diesem Hintergrund stellen sich viele der in Deutschland befragten Geschwister eine weitere Frage: Kann ich es verantworten, eigene Kinder zu bekommen?

Ihnen wurde und wird durch Publikationen oder Gespräche kontrafaktisch der Eindruck eines sehr hohen genetischen Erkrankungsrisikos über mehrere Generationen hinweg suggeriert. Dass das faktische Erkrankungsrisiko bei ihren Kindern (d.h. den Neffen und Nichten der Erkrankten) in der Regel verschwindend gering ist wird dabei übersehen. Wie bereits ausgeführt besteht ein reales Risiko lediglich in Familien mit einer bereits Generationen übergreifenden Erkrankungsbelastung.

Die Befürchtung, ein eigenes Kind könne psychisch erkranken, führt in einigen Fällen sogar zur Vermeidung von Beziehungen.

„He’s split up with his girlfriend, and one of the reasons is that he doesn’t want children.” (Sin u.a. 2012, S 56) Auch beim ersten hessischen Geschwistertreffen (siehe Munkert 2008) hielt eine Teilnehmerin für sich eine Partnerschaft aufgrund dieser Befürchtung für unmöglich. In den USA haben Diana Marsh u.a. eine erhöhte Single-Quote unter Geschwistern festgestellt (Marsh u.a. 1993a, S. 13), ebenso Seltzer u.a. (1997).

Es könnte noch weitere Effekte der Erkrankungsangst geben.

Schon 2000 haben Nechmad u.a. in ihrer Aufzählung von offenen Forschungsfragen die Hypothese formuliert: Könnte es sein, dass Geschwister gezielt Hilfen meiden, und zwar aufgrund ihrer Befürchtung, selbst als psychisch krank diagnostiziert zu werden? (Nechmad u.a. 2000, S. 8) Diese Fragestellung scheint bisher nirgendwo aufgegriffen worden zu sein.

In den USA und Kanada wird den Befürchtungen der Geschwister große Beachtung geschenkt. Sowohl in Aufklärungsbroschüren als auch auf der Seite schizophrenia.com wird die Angst vor einem potentiellen Risiko durch Fakten begegnet sowie mit Hinweisen für ein psycho-sozial gesundes Leben, durch das man ein mögliches Risiko durch eigenes Verhalten reduzieren könne. „Der beste Schutz sei, sich selbst und seinen Körper zu kennen sowie alles dafür zu tun, gesund und glücklich zu leben.“ (zitiert nach Jana Hauschild 2019, S. 142) In einem anderen Kapitel der Monographie haben wir referieren müssen, warum sich viele der Geschwister dieses erkrankungs-protektive Glück geradezu verbieten.

In vielen Familien mit einer psychisch erkrankten Person fällt die Meinung, die Gene seien schuld, auf fruchtbaren Boden. ‚Es ist genetisch‘ verankert die Krankheitsverursachung zwar in der Familie, und zwar in deren Genen, verlegt die vermeintliche Verursachung allerdings in einen längst vergangenen Zeitraum, lange vor der eigenen Geburt.

Der unmittelbare Gewinn dieser Anschauung: Die allgegenwärtige Ahnung von Eltern, an problema­tischen Lebensläufen der eigenen Kinder nicht ganz unbeteiligt zu sein, führt bei Eltern von psychisch erkrankten Kindern – ebenso wie bei denen von suchtabhängigen oder kriminell gewordenen Kindern – zu einem (in der Regel ungerechtfertigten) Schulderleben, das mit dem klassischen Modell der genetischen Verursachung abgeschwächt werden kann. Wenn die Gene schuld sind, können wird es nicht sein bzw. unser Sozialisations- und Erziehungsverhalten.

Allerdings: Was die Eltern in Bezug auf sich selbst vielleicht beruhigen kann (sie haben die kritischen Altersstufen für Neuerkrankungen bereits überschritten, mögliche künftige gerontopsychiatrische Probleme bleiben unbeachtet) befeuert im Gegensatz dazu bei den Mitgeschwistern bis ins Er­wachsenenalter hinein die ängstliche Befürchtung, ebenfalls psychisch zu erkranken.

Diese Wertschätzung der bedeutenden Rolle der Genetik steht nur in einem scheinbaren Wider­spruch zu übertriebenen Normalitätsannahmen von Eltern bezüglich der Geschwisterkinder, nämlich die Mitgeschwister als gesund, stark und unproblematisch wahrzunehmen[10]. Die Angst, ein weiteres Kind der Familie könnte – genetisch bedingt – psychisch erkranken, verführt geradezu zur konträren Neigung, das nicht erkrankte Kind als stark, problemlos und voll im Leben stehend zu sehen bei gleichzeitiger Befürchtung des genauen Gegenteils; so kann die Angst, weitere Kinder könnten erkranken, gebannt werden.

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[10] Ausführlich im Kapitel ‚Die große starke (schwache) Schwester‘ der Monographie

Was sehr häufig als ‚Vererbung‘ oder als ‚angeboren‘ klassifiziert wird schließt auch die im Laufe der personalen Entwicklung in sozialen Interaktionen erworbenen Fühl-, Denk- und Verhaltensmuster mit ein, die zum Teil biologisch (epigenetisch) eingeschrieben werden. Während ‚Vererbung‘ und ‚Genetik‘ Unveränderlichkeit und Schicksalshaftigkeit suggerieren, verweisen die in sozialen Inter­aktionen erworbenen Erfahrungen im Gegenteil auf die Veränderbarkeit in sozialen Prozessen.

Für Mitgeschwister ist dies in doppelter Hinsicht bedeutsam:

  • Negatives, insbesondere traumatisierendes Erleben kann biologisch verankert werden und definiert die eigene weitere Entwicklung (mit).
  • Es kann qua intergenerationeller Weitergabe ggf. die Entwicklung der weiteren Nachkommen beeinflussen, selbst wenn diese selbst nicht mit den Belastungen konfrontiert worden sind.

„Doch wir werden auch mit einer großartigen Resilienz geboren – man muss uns nur zeigen, wie man sie aktiviert. Und offenbar kann auch diese Resilienz von Generation zu Generation weitergegeben werden.“ (Boyce 2019, S. 257)

Im wohlverstandenen Sinne von Boyce zeigen die obigen Ausführungen zwei Handlungsoptionen auf, wie eine scheinbar schicksalhafte negative Entwicklung durchbrochen werden kann.

  1. Sich nicht zum familiären Schweigen verführen lassen
    So nachvollziehbar es auch ist, so gravierend können die Folgen des Schweigens angesichts belastender Erfahrungen sein[11]. Eltern sollten angemessene Anregungen und Unterstützungen erhalten, um offen und möglichst angstfrei mit den Geschwisterkindern über die Erkrankung und deren Begleitumstände sprechen zu können.
  2. Die belastenden Erfahrungen und Gefühle in Gruppen Gleicherfahrener austauschen
    In Analogie zu den Kindern von Holocaust-Überlebenden gehen die Belastungen der Mitge­schwister mit vielfältigen und sich zum Teil widersprechenden Gefühlen einher, die häufig erst in Auseinandersetzungen mit Menschen, die die gleichen Erfahrungen machen mussten, in ihrer Bedeutung und Wirksamkeit herausgefunden werden können. Das spricht für exklusive Geschwistergruppen.

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[11] Ausführlich im Kapitel zum ‚funktionalen partiellen familiären Schweigen‘ in der Monographie

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