Die Erkrankung zeigt Wirkung: Ängste und Intrusionen, Schuld- und Schamgefühle

Die Angst, selbst an einer psychischen Störung zu erkranken

Die Wirkungen des elterlichen Schweigens

Unabhängig davon, welche Erkenntnisse die Forschung insgesamt und im Besonderen zu den Mecha­nismen der transgenerationellen Weitergabe von Belastungen und Traumata in der Zukunft noch lie­fern wird, eines zeichnet sich bereits heute deutlich ab: die verhängnisvolle Rolle, die das Schweigen über diese Traumata als ‚wesentlicher Umweltfaktor‘ für ein erhöhtes Erkrankungsrisiko spielt, und das gilt für individuelle Traumata genauso wie für kollektive Traumata – weltweit, in allen Kulturen.

Der Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Peter Pogany-Wnendt ist ein Kind von Holocaust-Überlebenden und gehört somit der ‚second generation‘ an. Aus seiner Sicht führt das schwere Erleben des Holocaust zum Abbruch bzw. der Verweigerung von Gesprächen in den Fami­lien. Er erklärt sich sein eigenes Erleben als Folge dieses selbst auferlegten Schweigegebots und des­sen Wirkung in Analogie zu den oben beschriebenen transgenerationellen epigenetischen Effekten (Pogany-Wnendt 2012), ein Schluss, der zwar nahe liegt, aber bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt von wissenschaftlicher Empirie nicht bestätigt werden kann. Schweigen die Eltern ihren Kindern gegen­über zu ihrem schwer belastenden oder traumatisierenden Erleben, wird dieses Erleben in die Seelen der Kinder transplantiert, was sich u.a. in den Träumen der Kinder mit den gleichen Gefühlen von hilflosem Ausgeliefertsein wie bei ihren Eltern während des Holocaust widerspiegelt – nicht obwohl die Eltern nie darüber gesprochen haben, sondern gerade weil die Eltern ihre schrecklichen Erlebnis­se mit einem Schweigegebot belegt haben (ebenda).

Pogany-Wnendt sagt von sich, er habe das Leid der Eltern im Holocaust zu seinem gemacht, bis er in einem ‚Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust (PAKH)‘ (pakh.de) die Generationen übergreifenden Auswirkungen des Holocaust auf seine Entwicklung besser erfasst und verstanden habe. „Heute fühle ich mich besser in der Lage, mich vom Leid meiner Eltern abzugrenzen. Als Kind habe ich ihn [den Holocaust] zu meinem Leid gemacht. Dadurch kann ich [heute] meine selbstbe­stimmte Identität besser zum Zuge kommen lassen. … Ich habe in PAKH auch gelernt zu verstehen, welche schwere Last die Kinder der Täter und Mittäter tragen. PAKH ist vor allem eine Dialoggruppe“, in der Täter- und Opfer-Kinder miteinander sprechen (Pogany-Wnendt 2012).

Die herausragenden negativen Effekte, wenn über die belastenden Erfahrungen nicht gesprochen wird, sind bereits in den allerersten und dann in nahezu allen Studien zur transgenerationellen Über­mittlung des Holocaust-Traumas angesprochen worden, genauso wie in den zahlreichen Dokumenta­tionen über Holocaust-Überlebende und deren Kinder und Enkel. Bereits in den 1960er Jahren be­gannen die inzwischen erwachsenen Kinder der zweiten Generation damit herauszufinden, was es bedeutet, Kind eines Holocaust-Überlebenden zu sein. Es bildeten sich ‚Awareness Groups‘, in denen sie ihre Gefühle mit jenen austauschten, die die gleichen Erfahrungen hatten. Im November 1979 fand in den USA die erste Konferenz der Kinder der Holocaust Überlebenden statt, worauf es in den gesamten USA zur Gründung regionaler Gruppen kam. Mit anderen Worten: Pogany-Wnendt ist ‚ein typischer Fall‘. Das gilt auch für sein wissenschaftliches Arbeiten, denn viele Kinder der Überlebenden haben ihren Blick über ihr individuelles Leiden hinaus gerichtet, indem sie „proactively commemo­rate the lives and way of life lost during the Holocaust“ (Shoah Resource Center 2019); sie beteiligen sich an historischen Studien, an der Unterrichtung der Öffentlichkeit über den Holocaust und kämp­fen gegen dessen Leugnung.

Andere Nachkommen der zweiten und dritten Generation setzen sich mit ihren ambivalenten Gefüh­len und dem Schweigen auseinander, indem sie sich künstlerisch betätigen. So z.B. Rita Goldberg, die sich befreit fühlte, nachdem sie die Geschichte ihrer Mutter im Holocaust aufgeschrieben hatte. „By narrating her story, I have found my voice. It is helping all of us move forward.“ (Goldberg 2014) Bina Nir (2018) untersuchte die ‚Transgenerational transmission of Holocaust trauma and its expressions in literature‘, und auch sie sieht „that writing itself has the potential to heal”. (S. 5) Sie zitiert Tikva Natan (1981): „[A] dominant characteristic of second-generation families is the ‚conspiracy of si­lence’. … In many such families, there was an ‚unspoken agreement’ not to discuss the traumatic events of the Holocaust, most often out of the desire to protect the children. Despite this, the chil­dren tended to perceive this silence as emotional distance, which affected the quality of the relation­ship between parents and children.” (Nir 2018, S. 5)

In vielen Studien werden weitere Motive für das Schweigen der Überlebenden genannt, u.a. die Un­geheuerlichkeit des Erlebten und die sogenannte Überlebensschuld, von der die meisten befragten Holocaust-Überlebenden schmerzhaft berichten: Sie haben die Ermordung von hunderten oder tau­senden ihrer unmittelbaren Mitgefangenen im gleichen Lager überlebt – sehr oft aufgrund einer Kombination aus Zufällen und Privilegien. Vor dem Hintergrund hatten die Kinder der Holocaust-Überlebenden ihren Anteil an der ‚conspiracy of silence’. Sie haben das tiefe Leid gespürt und ver­mieden, es zu thematisieren. Das Erlebte war einfach unaussprechlich (Dohms 2014).

Kollektive Traumata von Bevölkerungsgruppen aus Russland und der Ukraine bis Mittel- und Nord­amerika und ihre Expression in der (audio-)visuellen Kunst haben Janett Reinstädler und Oleksandr Pronkevich (2018) im Blick. Über alle kulturellen Unterschiede hinweg nehmen sie die Traumata wahr „as a highly disconcerting form … of ‚not-knowing’, that hides behind the non-rememberable, the in­visible and unspeakable” und beleuchten die unterschiedlichen künstlerischen Annäherungen an ‚das Unaussprechliche’, an das „atmosphärische Wissen … zeitlos und jenseits der Sprache“ (Zöchmeister 2013, zitiert in Dohms 2014).

Um jedwede Missverständnisse zu vermeiden sei noch einmal darauf hingewiesen: Hier wird keines­falls behauptet oder nahegelegt, das Erleben von Mitgeschwistern sei mit der transgenerationellen Weitergabe der Last des Holocaust zu vergleichen; so wie der Holocaust sind auch die Effekte auf die Kinder und Kindeskinder der Überlebenden von einer unvorstellbaren Einmaligkeit und jegliche Ver­gleiche verbieten sich. Die Studien wurden hier referiert, da über sie die Dramatik der transgenera­tionellen ‚Vererbung‘ sowie des innerfamiliären Schweigens wie unter einem Brennglas heraus­sticht.[1]

Dennoch sei an dieser Stelle eine Spekulation erlaubt. Abgeleitet von den referierten Studien spricht einiges dafür, dass auch die viele Menschen traumatisierenden Ereignisse unserer Tage – Kriege, Flucht und Völkermord, Natur- und Technikkatastrophen, Pandemien u.a. – ihre Spuren weit über die direkt betroffene Generation hinaus hinterlassen werden.

Anmerkungen:

[1] Auch in den Täterfamilien herrscht zumeist ein innerfamiliäres Schweigen, zumindest was verbrecherische Aktivitäten angeht. Dies gilt auch für Täterfamilien, in denen nach dem Kriege psychisch erkrankte Menschen lebten. Ein aktueller Beitrag wirft einen Blick auf die Dynamiken in diesen Täterfamilien (Julius und Peukert 2020b).

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