Die Erkrankung zeigt Wirkung: Ängste und Intrusionen, Schuld- und Schamgefühle

Die Angst, selbst an einer psychischen Störung zu erkranken

Exkurs: (Epi-) Genetik und soziale Erfahrung
Und was die Daten bedeuten

Die Autorinnen und Autoren der Studien aus Israel und Taiwan zielen auf die genetische Komponente von psychischen Störungen und sie sehen sich darin mehrfach bestätigt.
Aber: Alle genannten Studien machen Aussagen über die Prävalenz (Häufigkeit), sie sagen jedoch nichts aus über Verursachung und/oder Auslöser, obwohl dies immer wieder so ausgelegt wird.

Interessegeleitete Presseerklärungen wie ‚Gentest sagt Depressionsrisiko für Kinder und Jugendliche voraus‘ (MPI 2019) sind geeignet, dieses Missverständnis massiv zu verstärken! Sehr lesenswert ist auch die Kritik an der Presseerklärung und der ihr zugrundeliegenden Studie von Stefan Schleim (2019).

Selbst dann, wenn große, mehrere tausend Personen einschließende Studien je nach genetischer Nähe der Familienangehörigen Unterschiede in der Krankheitslast zeigen, so ist dies noch lange kein Beweis dafür, dass die genetische Nähe die herausragende Ursache der Erkrankung ist. Der Zusam­menhang ist ein anderer. Selbst im Kontext genetischer Studien, in denen Gensequenzen ausgelesen werden und genetische Merkmale zu Erkrankungshäufigkeiten in Bezug gesetzt werden (siehe unten) wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass bei den meisten psychischen Erkrankungen zu den jeweils gefundenen genetischen Veränderungen zwingend Umwelteinflüsse hinzutreten müssen, damit der Übergang vom Risiko zur Erkrankung erfolgen kann; siehe auch das Kapitel ‚Epigenetik und psychi­sche Erkrankungen‘. Aber selbst wenn deutliche Korrelationen zwischen spezifischen Genverände­rungen und psychischen Störungen gefunden werden gilt die Warnung von Greg Gibson, einem der herausragenden Genetiker: „correlation is not causation“ (Gibson 2011), wobei selbst die in einigen Studien gefundenen Korrelationen durch andere Untersuchungsergebnisse in Frage gestellt werden.

Unterstrichen wird Gibsons Aussage durch eine Metastudie auf der Basis von 12 Zwillingsstudien zum Auftreten von schizophrenen Erkrankungen. Die ebenfalls sehr renommierten Genetiker Sullivan, Kendler und Neale kamen bei ihrer Metaanalyse zu der für sie ziemlich unerwarteten Feststellung, wonach ihre Ergebnisse „support a view of schizophrenia as a complex trait that results from both genetic and shared environmental etiological influences“ (Sullivan u.a. 2003, S. 1187).

Wie bereits ausgeführt dürften die besonderen Belastungen von Geschwistern psychisch Erkrankter zu den wesentlichen Umwelteinflüssen zählen, die zu den erhöhten Raten psychischer Erkrankungen bei den Geschwistern führen.

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