Die Erkrankung zeigt Wirkung: Ängste und Intrusionen, Schuld- und Schamgefühle

Die Angst, selbst an einer psychischen Störung zu erkranken

Was lehrt uns die Beschäftigung mit Genetik und Epigenetik?

Dieser Exkurs wurde eingefügt, um das weit verbreitete vermeintliche Wissen um die genetische Vul­nerabilität von Geschwistern anhand von Studien zu hinterfragen und Geschwistern eine Möglichkeit zu eröffnen, der oft tiefsitzenden Angst, selbst psychisch zu erkranken oder eine Veranlagung weiter­zugeben, etwas entgegenzusetzen. Deshalb sei an dieser Stelle noch einmal zusammengefasst:

  • Eine mögliche genetische – und damit unveränderliche – Disposition kann zwar gegeben sein, aber sämtliche populationsbasierte Studien weisen ein deutlich geringeres ‚vererbtes‘ Risiko aus als gemeinhin kolportiert wird. Es sollte auch nicht übersehen werden, dass die übergroße Mehr­heit der Geschwister in ihrem Leben keine psychische Erkrankung entwickelt, auch wenn sie er­höhten Belastungen ausgesetzt sind.
  • Bei den ermittelten Risiken handelt es sich um Korrelationen; eine Kausalität konnte – trotz jahr­zehntelanger enormer Forschungsanstrengungen – bis heute nicht nachgewiesen werden, von einzelnen seltenen Ausnahmen abgesehen.
  • In vielen Fällen müssen belastende Einflüsse hinzukommen, damit sich aus einer potenziellen ge­netischen Disposition eine Erkrankung entwickelt. Für die meisten Formen schizophrener Störun­gen stellen renommierte Genetiker übereinstimmend fest, dass das Vorhandensein solcher Fak­toren sogar unabdingbar ist.
  • Zu diesen negativen Einflüssen zählen anhaltende negative inner- und außerfamiliäre soziale Be­dingungen, Umwelteinflüsse und sonstige Stressoren – dem gegenüber schützen positive Ein­flüsse wie z.B. sozialer Zusammenhalt.
  • Vor- und nachgeburtlich erfahrenes belastendes und schützendes Erleben kann epigenetisch ein­geschrieben werden und entfaltet fortan Wirkung. Es ist – anders als die genetische Ausstattung – durch neue Erfahrungen lebenslang veränderbar und damit beeinflussbar.
  • Dies gilt insbesondere auch für die transgenerationelle Weitergabe von negativen Erfahrungen, deren Tradierung durchbrochen werden kann.
  • Viele der epigenetischen Prozesse sind noch nicht aufgeklärt; allein, dass epigenetische Mecha­nismen die Interaktion zwischen Umwelt und Genen vermitteln, kann als gesichert gelten.
  • In diesem sehr komplexen Geschehen liegt der Forschungsschwerpunkt bisher auf der Identifika­tion von belastenden Ereignissen und deren Wirkung auf das Verhalten bis hin zu psychischen Störungen – die Erforschung der Wirkung und möglichen Aktivierung von protektiven Faktoren ist nur ansatzweise zu erkennen.
  • Bereits in den beiden Kapiteln ‚Das genetische Missverständnis oder: Wirkungsstarke situative Umstände und das Erkrankungsrisiko‘ sowie ‚Die subjektiv erlebten Belastungen beeinflussen die Vererbungsangst‘ wurden negativ wirkende Faktoren angesprochen, die ‚Wirkungen des elterli­chen Schweigens‘ (siehe nächstes Kapitel) stellen einen weiteren solchen Einfluss dar.
  • Analog zur noch unterentwickelten Erforschung sind auch Empfehlungen zu risikominderndem Verhalten Mangelware. Allgemeine Hinweise finden sich auf der Website ‚schizophrenia.com‘ (Schizophrenia.com 2020a), darunter eine gesunde Lebensweise, Vermeidung von nicht-thera­peutischen psychotropen Substanzen, Pflege von sozialen Kontakten, Entwicklung von wirksa­men Bewältigungsstrategien. Im Kapitel ‚Coping-Strategien und die Stärkung der Resilienz‘ wird ausführlich auf Resilienz fördernde Fähigkeiten bzw. Verhaltensweisen eingegangen.

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