Literatur

Literatur

Noch immer gibt es nur wenig Literatur zur besonderen Situation von Geschwistern psychisch erkrankter Menschen. In den letzten Jahren ist allerdings doch etliches  veröffentlicht worden. Hier findet Ihr:

  • Öffentlich zugängliche Texte zum Thema Geschwister
  • Sogenannte „graue Literatur“, wie Thesenpapiere, Protokolle u.ä.
  • Wissenschaftliche Arbeiten wie Bachelor- und Masterarbeiten, die uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden, damit wir sie öffentlich zugänglich machen können.

Wir haben uns bemüht, Texte auszuwählen, die fachlich fundiert, aber dennoch gut verständlich sind. Das ist bei den wissenschaftlichen Arbeiten nur in Teilen so, wir möchten sie dennoch den interessierten Lesern anbieten und damit gleichzeitig zu ihrer Verbreitung beitragen.

Die Texte spiegeln die Vielfalt im Erleben von Geschwistern von psychisch erkrankten Menschen wider, wie sie sich auch in persönlichen Begegnungen zeigt. Die Redaktion hat sich entschlossen, dieser Vielfalt hier Raum zu geben, wohl wissend, dass der eine oder andere Beitrag bei einem Teil der Geschwister keine ungeteilte Zustimmung finden wird.

Die Redaktion würde sich freuen, wenn Ihr kritische und auch zustimmende Anmerkungen in unserem Forum zur Diskussion stellen würdet. 

Auswirkungen von Psychose-Erkrankungen auf die Geschwister der Erkrankten: Belastungen, Konflikte, Wünsch und Bewältigungsformen.

Claudia Bach (2018)

Eine qualitative Studie.
Masterarbeit an der Universität Kassel, Institut für Psychologie

In der Masterarbeit untersucht die Autorin die spezifischen Belastungen von Geschwistern, deren Schwester oder Bruder bereits seit vielen Jahren  (zwischen 17 und 51 Jahren) an einer schweren und chronifizierten Schizophrenie erkrankt sind. Sie stellt dar, welcher Art diese Belastungen sind, welche  langfristigen Auswirkungen sie haben können, welche Bewältigungsstrategien die betroffenen Menschen entwickelt haben und zeigt auf, in welchen Bereichen nach ihren Erkenntnissen Forschungsbedarf besteht.

Beim APK-Selbsthilfetag am 5.12.2018 hat die Autorin eine Zusammenfassung präsentiert.

Die unsichtbaren Angehörigen: Bruder oder Schwester eines psychisch kranken Menschen

Reinhard Peukert (2018)

Psychiatrische Praxis, 45(2), 106-110. Der vollständige Artikel ist kostenpflichtig.

Einleitung:

Am 6. Mai 2017 haben sechs Geschwister – fünf Frauen und ich selbst – das Netzwerk Geschwister psychisch kranker Menschen ins Leben gerufen und sofort eine Homepage mit einem Forum sowie verfügbarer Literatur eingerichtet. Wir waren und sind überzeugt: Es ist Zeit, dass wir Geschwister uns endlich öffentlich zu Wort melden.

Vor fast 15 Jahren habe ich selbst (damals bereits seit 25 Jahren Psychiatrie-Profi) begonnen, mich auf mein „Bruder-Sein“ zu besinnen. Um nicht allein darüber nachzudenken, ob und wie dies mein Leben (mit-)beeinflusst hat, habe ich mich zuerst in Berlin (2004), dann in Wiesbaden, in Hamburg und in Halle mit Geschwistern getroffen – heute gibt es erfreulicherweise sich regelmäßig treffende Gruppen in Hamburg, Berlin und München (Anschriften, Treffen etc. finden Sie auf unserer Homepage). Diese eigenständigen Gruppen sind entstanden, da sich die üblichen Angehörigengruppen als nicht hilfreich für Geschwister erwiesen haben. Die dort vor allem von Eltern eingebrachten Fragen und Themen sind nicht die von uns Geschwistern – gleichwohl sehen wir natürlich die großen Belastungen unserer Eltern. Neben den eigenen Erfahrungen sowie denen aus diesen Gruppentreffen gehen in die folgenden Überlegungen die Ergebnisse der drei deutschsprachigen empirischen Untersuchungen ein.

„Wir sind übrigens auch noch da! Ich bin auch Dein Kind“

Reinhard Peukert, Holger Simon (2017)

Bericht von einem Eltern-Geschwister-Treffen in Mainz

So lautete der Titel einer Tagesveranstaltung, zu der der Mainzer Angehörigenverein im Oktober 2017 Eltern eingeladen hatte, die in vorangegangenen Treffen ein Unbehagen geäußert hatten das sie immer dann fühlten, wenn sie an ihre gesunden Kinder dachten – denn ihnen war klar, dass die Belastungen und die Konzentration auf das erkrankte Kind an dem oder den gesunden Geschwisterkindern nicht spurlos vorbei gegangen sein kann.

Das schwarze Mal – Brief an Mama

Gagi K. (2017)

veröffentlicht in Psychosoziale Umschau 3/2017, S.27

Neuerdings überkam mich wieder Panik. Panik, dass es dich nicht mehr gibt und ich die Scherben aufsammeln muss und alleine entscheiden muss, was nun mit meinem Bruder passiert.

Er bekommt keine Rente, besucht keinen Arzt, nimmt keine Hilfe an, geht nicht raus.

GeschwisterNetzwerk gegründet

Reinhard Peukert (2017)

veröffentlicht in Psychosoziale Umschau 3/2017, S. 26

Einleitung:

Erst seit Kurzem melden sich Brüder und Schwestern psychisch erkrankter Menschen als eigenständige Gruppe mit ureigenen Problemen und Anliegen in der Angehörigenselbsthilfe zu Wort, dabei zeigen die wenigen Studien zu deren Situation: Die psychische Erkrankung eines Familienmitglieds bringt die gesamte Familie in Not –, aber es sind die Schwestern und Brüder, deren Rolle, Funktion und Bedeutung in der Familie am stärksten verändert werden. Sie sind es auch, die am seltensten vom Hilfesystem wahrgenommen werden und in ihren Familien in den Hintergrund rücken: Die gemeinsamen Eltern sind vollauf mit der Problematik der erkrankten Schwester bzw. des er krankten Bruders beschäftigt – dies ist für die Eltern ein unvermeidbarer und zugleich belastender Tatbestand.

Helping our Siblings – Helping Ourselves

Spyros Zorbas (2017)

Präsentation im Rahmen des Kongresses der Word Psychiatric Association (WPA) im Oktober 2017 in Berlin.

Als EUFAMI-Mitglied berichtet Spyros Zorbas aus Europa, aber auch über die griechische Angehörigenbewegung EPIONI und über „Athen’s Siblings“.

Lebensbewältigung erwachsener Geschwister

N.N. (2017)

Bachelorarbeit an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München – Studiengang Soziale Arbeit
Zur Situation von erwachsenen Geschwistern psychisch Kranker – Hilfestellungen anhand von Theorien zur Lebensbewältigung.

Zitat aus der Schlussbetrachtung:

Die vorangegangenen Ausführungen haben deutlich gemacht, dass die Lebenssituation von Geschwistern psychisch Kranker erheblich durch die Erkrankung des Bruders bzw. der Schwester beeinflusst wird. Das subjektive Belastungserleben und die Formen der Bewältigung variieren zwar unter den Geschwistern, gemeinsam ist ihnen allerdings, dass sie ihrem Los nicht einfach ausweichen können. Die Beziehung zum kranken Geschwister bleibt lebenslang bestehen, unabhängig davon, ob sie den Kontakt pflegen oder ihn dauerhaft unterdrücken. Gelingt es Geschwistern die spezifische familiäre Situation als Herausforderung zu begreifen und sie anzunehmen, können daraus eine Stärkung der Persönlichkeit, ein Ausbau der Selbstregulationsmechanismen und allgemein der Resilienz, d.h. der Fähigkeit des erfolgreichen Umgangs mit belastenden Ereignissen und Lebensumständen, erwachsen. Aber selbst dann, wenn sich die Geschwister den Herausforderungen im Umgang mit ihrem psychisch kranken Bruder bzw. ihrer psychisch kranken Schwester stellen und diese als Teil ihres Lebens akzeptieren, bleibt es ein lebenslanger Prozess, die Balance zwischen Unterstützung und Abgrenzung zum kranken Familienmitglied zu finden.

Geschwister sind auch Angehörige

Reinhard Peukert (2017)

Vortragsfolien

Hauptvortrag zur Situation, den Belastungen und den Ambivalenzen von Geschwistern bei der Fachtagung der Landesverbände der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in Halle.

Erweiterungen auf Basis des nachfolgenden Vortrags aus 2016.

Erlebte, gelebte, erlittene Verantwortung

Reinhard Peukert (2016)

Vortrag bei der Jahrestagung der APK „Verantwortung übernehmen“ am 7. und 8. Nov. 2016

Zitat aus der Tagungsdokumentation:

Ein zentrales Ergebnis der vorliegenden Studien sowie meiner Gespräche vorne weg: Die Geschwister psychisch erkrankter Schwestern und Brüder fühlen sich häufig in ihren Herkunftsfamilien übersehen, aber auch in gemischten Angehörigengruppen; im Umgang mit professionellen Helfern geht die Einschätzung von „übersehen“ bis zu „missachtet“.

Geschwister psychisch Kranker

Holger Simon (2010)

Unveröffentlichte Masterthesis. Hochschule RheinMain Fachbereich Sozialwesen
Entwicklung eines quantitativen Fragebogens auf Grundlage einer Analyse eigener und bereits vorliegender qualitativer Forschungsergebnisse und der Literatur.

In seinem Fazit stellt der Autor eine Reihe von Fragen, die noch immer unbeantwortet sind:

  1. Welche Aspekte in der Beziehung zu ihren psychisch erkrankten Geschwistern und welche Konflikte und Rollenverschiebungen bez. ihrer Eltern erleben die gesunden Geschwister als besonders belastend?
  2. Welche Risikofaktoren bez. einer gesunden Entwicklung im Kindes- und Jugendalter bedürfen bei Geschwistern psychisch Erkrankter besonderer Beachtung?
  3. Welche konkreten Einflüsse hat die Erkrankung auf Familiengründung bzw. die Familie des gesunden Geschwisters?
  4. Inwieweit fordern die gesunden Geschwister institutionelle Unterstützung zu ihrer Entlastung ein bzw. wie können professionelle Helfer die besonderen Bedürfnisse von Geschwistern psychisch Kranker berücksichtigen?
  5. Welche Rolle spielt Alter, Altersunterschied und Zeitpunkt der Erkrankung?
  6. Wird ein spezifisches professionelles Hilfeangebot für Geschwister benötigt?
  7. Bildung der persönlichen Identität, Individuationsprozesse, Entwicklung von Sozialverhalten und Geschwisterrivalität sind wichtige Punkte der frühen und mittleren Kindheit und der Adoleszenz -> können Störungen entstehen?
  8. Welche Auswirkungen auf Aggressives Sozialverhalten, delinquentes Sozialverhalten, Geschlechtsrollenverhalten, Sexualverhalten können erfasst werden?
  9. Dimensionen der Geschwisterbeziehungen sind: Wärme bzw. Nähe, Rivalität, Konflikt und relative Macht bzw. Status –> welche Auswirkungen hat eine Erkrankung?
  10. Welche Auswirkungen haben kritische Lebensereignisse auf die Beziehung zwischen einem gesunden und einem kranken Geschwister: Krankheiten, Heirat eines Geschwisters, Erkrankung und zunehmende Pflegebedürftigkeit der alten Eltern, Tod der Eltern, Hilf an in Not geratene oder bedürftige Geschwister, Diskrepanzen aufgrund unterschiedlicher, beruflicher Entwicklungen, Bevorzugung eines Geschwisters durch die Eltern, Enttäuschung von Erwartungen, Unterschiedliche Entwicklung der Wertorientierung
  11. Wie wirkt sich die zentrale Entwicklungsaufgabe der Versorgung und Betreuung der alten Eltern auf die Beziehung aus und welche besonderen Belastungen bestehen für die Beteiligten?

Wenn die Geschwisterliebe auf eine harte Probe gestellt wird – aufwachsen mit einer psychisch kranken Schwester bzw. mit einem psychisch kranken Bruder

Miriam Munkert, Reinhard Peukert (2009)

Auswertung der Gespräche anlässlich des 1. hessischen Geschwistertreffens auf der Basis der Diplomarbeit von Miriam Munkert (siehe auch Diplomarbeit unten)

Aus den Vorbemerkungen:

Durch eine ausführliche Vorstellungsrunde entwickelten sich viele Erzählanstöße, durch die eine eigenständige und authentische Dynamik entstand. Die emotionale Offenheit der Teilnehmer war beachtlich; dadurch entstand eine intime Atmosphäre, die für alle hilfreich und nützlich erschien, da sie Aufrichtigkeit zuließ. …

Im Rahmen einer kleinen schriftlichen Befragung am Ende des Treffens äußerten alle Teilnehmer, „neue Informationen durch die Geschwistertagung erhalten zu haben“, während der sie „offen über ihre Gefühle sprechen konnten“; den „Erfahrungsaustausch mit den anderen Geschwistern“ erlebten sie als „hilfreich“, und sie empfanden die Tagung als „entlastende Unterstützung“.

Die emotionale Intensität in dieser Gruppe kann wahrscheinlich in diesen Zeilen nicht wiedergeben werden. Es sei aber angemerkt, dass viel geweint, aber auch gemeinsam gelacht und erleichtert aufgeatmet wurde.

"Mittendrin statt nur dabei" - Das Besondere am Miterleben einer psychischen Erkrankung als Schwester oder Bruder

Miriam Munkert (2009)

Diplomarbeit FH Wiesbaden • University of Applied Sciences, Fachbereich Sozialwesen, Studienbereich Soziale Arbeit

Ausschnitt aus dem Abschnitt: „Persönliche Einschätzung“

Während der Auseinandersetzung mit dieser Arbeit rückte für mich folgende Frage in
den Vordergrund: Wie viel Verantwortung wird dem Erkrankten selbst zugesprochen?
Oder besser gesagt: Können die gesunden Geschwister oder deren Familie die Last
der Verantwortlichkeit nicht ein Stück weit an den Erkrankten selbst zurückgeben?

Die besonders tief greifende Belastung durch Schuldgefühle entwickelte sich
hauptsächlich durch die gefühlte Verantwortung für den erkrankten Bruder oder die
Schwester. Das Gefühl, immer für ihn/sie da sein zu müssen, den nächsten Suizidversuch verhindern zu können oder für seine Lebenszufriedenheit verantwortlich zu sein, sind Beispiele hierfür. Die Schuldgefühle entstanden dadurch, dass die Geschwister das Gefühl hatten, stellenweise versagt oder nicht genug getan zu haben.

Endlich kommen wir auch mal zu Wort!

Reinhard Peukert (2008)

Überlegungen im Anschluss an das Geschwistertreffen in Hamburg am 19.04.2008

Ausschnitt:

Jede Zeit hat ihre Wunden und Lösungen …

Je nach dem,

  • wie lang der Zeitabstand zur Ersterkrankung ist,
  • und wie nahe das Ausscheiden der eigenen Eltern aus der Verantwortung zu erwarten oder bereits eingetreten ist

wandeln sich die Einflüsse, die sich aus der Erkrankung des Geschwisters auf die eigene Biographie ergeben.

Es wandeln sich die erlebten Belastungen, die wahrgenommenen Herausforderungen, die Wahrnehmung persönlicher Reifeprozesse aufgrund dieser Herausforderungen, aber auch der erkennbare sowie von den Geschwistern reklamierte Hilfebedarf verändert sich drastisch. Diese Wandlungen sind eingebettet in die unauflösbare Beziehung zur Schwester bzw. zum Bruder, wobei auch die Beziehung im biographischen Verlauf intensive Wandlungen erfährt.

Belastungen und Herausforderungen - Situation und Perspektive von Geschwistern schizophrener Patienten

Thomas Bock, Stefanie Fritz-Krieger, Karin Stielow (2008)

veröffentlicht in Sozialpsychiatrische Information, 38(1), 23-31

Ausschnitt: Diskussion und Ausblick

Die Situation der Geschwister wird durch mangelhafte Gesprächsfähigkeit in der Primärfamilie und mangelhafte Gesprächsbereitschaft der Behandler sowie durch zusätzliche äußere Ereignisse erheblich belastet. Die eigene Rolle wird häufig als zwiespältig erlebt; sie ist gekennzeichnet von hoher Verantwortlichkeit, sowie Scham- und Angstgefühlen. Der Behandlungsbeginn entlastet die Geschwisterbeziehung, verstärkt andererseits aber (auch bei den Geschwistern) das Risiko der (Selbst-)Stigmatisierung sowie die Angst, selbst zu erkranken.

Die Qualität der Geschwisterbeziehung vor der Erkrankung ist meist wesentlicher Indikator für die Zeit danach. Ein direkter Kontakt zu den Behandlern kommt im Regelfall nicht zustande; das prägt das Bild der Psychiatrie als nicht hilfreich. Hilfe wird meist auch nicht bei der Primärfamilie, sondern bei Freunden und Partnern gefunden. Dabei geht es vor allem um die Überwindung von Schuld- und Angstgefühlen sowie um die Relativierung der eigenen Verantwortlichkeit. Gleichzeitig erleben viele Geschwister die eigene Situation im Nachhinein auch als positive Herausforderung; dazu passt, dass ein relativ hoher Anteil später einen sozialen Beruf ergreift. Welche Rolle Alter, Altersunterschied und Zeitpunkt der Erkrankung haben, muss in späteren Untersuchungen geklärt werden.

Die Perspektive der Geschwister lässt ein rein somatisches Krankheitskonzept fragwürdig erscheinen. Auch im Interesse der Geschwister sollte die Erstbehandlung früher als bisher, dabei aber umso vorsichtiger erfolgen, also weniger stigmatisierend, weniger stationär und weniger invasiv. Die Angehörigen und damit eben auch die Geschwister müssen früher wahrgenommen und gestützt werden.

Zu Unrecht vernachlässigt: Geschwister von Menschen mit schizophrenen Psychosen

Beate Schrank, Ingrid Sibitz, Markus Schaffer, Michaela Amering (2007)

veröffentlicht in Neuropsychiatrie, 21(3), 216-225

Zusammenfassung:

Anliegen: Die vorliegende Untersuchung vergleicht Geschwister von PatientInnen mit einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis mit Eltern und PartnerInnen bezüglich ihrer Nutzung von Information, Hilfe und einer routinemäßig stattfindenden expertengeleiteten Angehörigengruppe, ebenso wie hinsichtlich ihrer Belastung und Lebensqualität.

Methode: Insgesamt wurden 147 Angehörige stationär bzw. tagesklinisch aufgenommener PatientInnen mit einem Fragebogen zum gesundheitlichen Wohlbefinden, zu Problemen in der Familie, zur Lebensqualität und zur Nutzung von Hilfe-Angeboten erfasst.

Ergebnisse: Obwohl Geschwister insgesamt weniger Kontakt zu PatientInnen pflegten als Eltern und PartnerInnen, fühlten sie sich subjektiv kaum weniger stark belastet. Ihre Lebensqualität war jedoch weniger stark eingeschränkt als die der beiden anderen Gruppen. Geschwister erhielten im Vergleich zu Eltern und PartnerInnen signifikant weniger Information und Hilfe und wurden signifikant seltener zur Angehörigengruppe eingeladen.

Schlussfolgerungen: Geschwister von PatientInnen mit Schizophrenie sind in der Angehörigen-Arbeit eine vernachlässigte wenngleich subjektiv stark belastete Gruppe. Es scheint angebracht, dieser speziellen Gruppe Angehöriger vermehrte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Belastungen von Geschwistern schizophrener Patienten

Rita Schmid, Tanja Schielein, Hermann Spießl, Clemens Cording (2006)

Psychiatrische Praxis, 33(4), 177-183. Der vollständige Artikel ist kostenpflichtig.

Zusammenfassung:

Hintergrund: Bisherige Studien zu Auswirkungen einer psychischen Erkrankung auf die Familie des Erkrankten basieren meist auf Aussagen von Eltern des Erkrankten. Geschwister gehörten dagegen bislang zur Gruppe der „vergessenen Angehörigen”.

Methode: Es wurden narrative Interviews mit 37 Geschwistern stationär behandelter schizophrener Patienten durchgeführt. Die Auswertung erfolgte mittels einer zusammenfassenden qualitativen Inhaltsanalyse mit anschließender Quantifizierung.

Ergebnisse: Die 492 Aussagen der Geschwister konnten in 26 globalen Statements zusammengefasst und in fünf Kategorien abgebildet werden:
1. „Belastungen im Umgang mit dem erkrankten Geschwister” (36,2 %),
2. „Belastungen für die persönliche Lebenssituation der gesunden Geschwister” (26,8 %),
3. „Belastungen im Umgang mit der Herkunftsfamilie” (15,7 %),
4. „Belastungen im Umgang mit Institutionen und professionellen Helfern” (14,2 %),
5. „Belastungen im eigenen sozialen Umfeld” (7,1 %).
Die drei von den gesunden Geschwistern am häufigsten genannten Belastungen sind: Umgang mit der Krankheitssymptomatik (100 %), emotionale Belastungen (100 %) und Unsicherheit in der Einschätzung der Belastbarkeit des Erkrankten (81,1 %).

Schlussfolgerung: Geschwister schizophren Erkrankter sind in vielfältiger Weise belastet. Ihre besondere Situation sollte bei der ambulanten und stationären Behandlung mehr Berücksichtung finden.

„Außen vor und doch mitten drin” - Die Situation von Geschwistern psychisch Kranker

Rita Schmid, Hermann Spießl, Reinhard Peukert (2004)

Psychiatrische Praxis 31(5), 225-227. Der vollständige Artikel ist kostenfrei zugänglich.

Zusammenfassung:

Eine chronische Erkrankung bedingt einerseits starke Belastungen und vielfältige Veränderungen im Leben des Betroffenen, andererseits greift sie häufig tief in das persönliche Leben und Erleben der Angehörigen ein und verändert die Dynamik der familiären Interaktionen. Vertraute Familienrollen werden durch eine Erkrankung erschüttert, jedes Familienmitglied wird mit neuen Anforderungen, ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen und Rollenverschiebungen innerhalb der Familie konfrontiert. Das alltägliche Miteinander wie auch der individuell je notwendige Abstand müssen von allen Familienmitgliedern neu gelernt werden – Konflikte bleiben hierbei meist nicht aus!

Das Besondere am Miterleben einer psychischen Erkrankung als Schwester oder Bruder

Rita Schmid (2004)

Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e.V. (Hrsg.), Tagungsband 2004, S. 87-109; Angehörigentagung in Regensburg „Auch Geschwister und Kinder sind Angehörige“

Vorstellung einer Studie, durchgeführt an der psychiatrischen Klinik der Universität Regensburg. Auszug aus der Einleitung:

Während die Bedeutung der Einbeziehung von Eltern und Ehepartnern psychisch Kranker für den Behandlungserfolg des Patienten ebenso wie die Notwendigkeit ihrer persönlichen Entlastung inzwischen jedoch weitgehend erkannt wurde, gehört die Gruppe der Geschwister psychisch erkrankter Menschen bisher eher zu der Gruppe der „vergessenen Angehörigen”.
„Nur eine Schwester bzw. ein Bruder zu sein” wird fälschlicherweise häufig mit „nicht direkt betroffen sein bzw. außen vor zu sein” assoziiert. Diese Fehleinschätzung verursacht bzw. verstärkt bei Geschwisterbetroffenen nicht selten Gefühle von Einsamkeit und Hilflosigkeit, obgleich häufig sie die „Vermittler” in den Familien und die langfristigen Bezugspersonen der Erkrankten sind.

Geschwister teilen alles?

Reinhard Peukert (2003)

veröffentlicht in Psychosoziale Umschau, 4/2003, S. 35-37

Auszug:

Auf die Ähnlichkeit mit Kindern psychisch kranker Menschen folgt eine Phase, in der Geschwister offensichtlich – anders als z.B. viele Eltern – ein relativ unbelastetes Leben führen können, um dann im fortgeschrittenen Alter in einen für sie oft unerwarteten neuen Status zu wechseln: Werden die Eltern gebrechlich oder sterben sie, kommt man als Bruder oder Schwester möglicherweise sehr plötzlich in eine Verantwortung hinein, mit der man oder frau vorher nicht gerechnet hatte.
Hatten sich bislang die familiären Bindungen und Ansprüche auf die Eltern und Geschwister verteilt, könnte man plötzlich allein da stehen; lebte man bisher weit weg von der Herkunftsfamilie, fühlt man sich auf einmal genötigt, nach Hause zurück zu kehren, sich zur Verfügung zu stellen und dies und das zu regeln. Es treten die Fragen und Probleme auf, die Angehörige aus den Gruppen mit Eltern psychisch kranker Menschen nur zu gut kennen. Dann gilt, was ein Gruppenmitglied so formulierte: »Wir können so weit weg rennen wie wir wollen, wir können uns so viel abwenden wie wir wollen, unser kranker Bruder oder Schwester wird letztlich immer bei uns sein und uns immer auf dem Rücken sitzen«, und er fügte hinzu: »Und das ist gut so!«
Ich möchte ergänzen: Spätestens, wenn die Eltern nicht mehr sind, steigt er vom Rücken herab und steht mit fragendem Blick vor einem. Kann man und frau sich darauf vorbereiten?

… nur eine Schwester!

Lotte Mucha (1982)

Beitrag in: Klaus Dörner, Albrecht Egetmeyer & Konstanze Koenning, Freispruch der Familie: Wie Angehörige psychiatrischer Patienten sich in Gruppen von Not und Einsamkeit, von Schuld und Last freisprechen.

Auszüge:

Ich bin eine solche Schwester und seit vielen Jahren in der Angehörigenbewegung tätig. Was mich beunruhigt: „Wo sind die Geschwisterangehörigen, wo sind die Ehepartnerangehörigen?”


Seit 45 Jahren bin ich Angehörige. Allerdings — „nur eine Schwester” —. Auch bei uns standen die Eltern fast 30 Jahre lang in der „ersten Reihe”. Sie trugen die Pflicht und die Verantwortung für die Betreuung der erkrankten Tochter. Als dann durch ihren Tod die „erste Reihe” ausgefallen ist, kam — nur die Schwester — in die „erste Reihe”. War das ganz selbstverständlich?


Dies alles löst bei mir zwar keine Schuld, aber noch so etwas wie ein schlechtes Gewissen aus und dazu die Zweifel: Werde ich den Bedürfnissen der erkrankten Schwester gerecht, was empfindet meine Schwester, wenn sie bei Sport, Spiel und Diskussion nicht mitmachen kann in einer Familie mit Jugendlichen? Wenn ihre Nichte ihr energisch verbietet sie in  der Schule abzuholen, wenn die Meinungsverschiedenheiten laut-stark ausgetragen werden?


Wir Angehörige sollten unser Leid nicht abwägen, es wiegt für jeden Einzelnen immer gleich schwer.
Darum gehören in keine Gruppe Sätze wie: „Bei mir ist das aber ganz anders… !” Oder: „Bei Ihnen ist das ja nicht so schlimm…, Sie sind ja nur die Schwester.”

  • veröffentlicht: 22.12.2018
  • zuletzt geändert: 04.01.2019
  • von: AdminWP

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