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Netzwerk von Geschwistern psychisch erkrankter Menschen

Liebe Geschwister,

nach turbulenten Monaten wollen wir Euch wieder einmal auf den Stand der Dinge bringen.

  1. Am 10. November 2018 konnte nach mehrfacher Verschiebung das von vielen lange erwartete 1. Netzwerktreffen der Geschwister in Kassel stattfinden. Mehr als 30 Geschwister fanden den Weg nach Kassel und die Rückmeldungen zeigen, dass niemand die mitunter weite Anreise bereut hat.
    Den Tagungsbericht, der in der Zeitschrift Psychosoziale Umschau 1/2019 erschienen ist, findet Ihr hier: [ Link ].
    Besonders gefreut hat uns, dass in über 50 Print- und Online-Medien über das Treffen berichtet wurde. Eine Auswahl: [ Link ].
    Ein Erfolg des Treffens war auch, dass sich bei dem Treffen eine Geschwistergruppe für die Region Kassel gegründet hat, die sich inzwischen schon ein paar Mal getroffen hat. Informationen zu dieser und den leider noch wenigen anderen Geschwistergruppen findet Ihr ebenfalls auf unsrer Website [ Link ].
     
  2. Bei diesem Geschwistertreffen wurde auch beschlossen, dem GeschwisterNetzwerk mehr „Bewegungsfreiheit“ zu verschaffen durch die Gründung eines Vereins, dessen Aufgabe ausschließlich darin besteht, das GeschwisterNetzwerk und später vielleicht auch andere Netzwerke von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen zu unter­stüt­zen. Die bürokratischen Hürden sind weitestgehend genommen; lediglich die Eintragung ins Vereinsregister steht noch aus, wird aber wohl in Kürze auch erfolgt sein.
     
  3. Ebenfalls im November wurde das GeschwisterNetzwerk von der Aktion Psychisch Kranke (APK) zu dem jährlich stattfindenden Selbsthilfetag eingeladen und konnte dort einen Geschwister-Workshop durchführen. Die Impulsreferate und eine Zusammen­fassung der Diskussionen findet Ihr hier: [ Link ].
     
  4. Bei zwei großen Fachkongressen konnte sich das GeschwisterNetzwerk mit Informations­material vorstellen; mehr dazu: [ Link ].
     
  5. Inzwischen hat das GeschwisterNetzwerk auch seine eigene Website aufgebaut: https://geschwisternetzwerk.de/; auch zu erreichen unter www.geschnet.de.
    Neben den Texten zur Situation von Geschwistern psychisch erkrankter Menschen, die Ihr möglicherweise schon kennt, haben wir auch Buch- und Filmtipps aufgenommen, die Euch interessieren könnten; [ Link ].
    Wenn Ihr Tipps für Bücher, Filme, Hörfunkbeiträge usw. zum Geschwisterthema habt, bitte schickt sie uns, wir nehmen sie gerne auf [ Kontakt ].
     
  6. Ganz aktuell: Am 16. Februar 2019 ist in Spiegel Online ein Geschwister-Artikel von Jana Hauschild erschienen, [ Link ].
    Dort findet sich auch ein Hinweis auf Jana Hauschilds neues Buch „Übersehene Geschwister“. Eine Buchbesprechung wird in Kürze folgen.
    Der Artikel hat bereits in den ersten Minuten und Stunden nach der Veröffentlichung zu einer ganzen Reihe von Registrierungen für unser Netzwerk und Newsletter-Abonne­ments geführt. Vielen Dank, Jana.
     
  7. Da unser Verein noch ganz neu ist, sind die Fördermöglichkeiten, insbesondere die Selbsthilfeförderung der Krankenkassen, in diesem Jahr noch begrenzt. Wir müssen also sehen, wie wir mit sehr überschaubaren Mitteln über die Runden kommen. Deshalb freuen wir uns umso mehr, Euch mitteilen zu können, dass wir Euch dennoch einiges anbieten können:

Geschwistertreffen am 3. August 2019 in Wiesbaden:
Das Treffen wird ausschließlich für Geschwister sein, ähnlich wie das 1. Netzwerk­treffen in Kassel im letzten Jahr. Ob wir Euch wieder Reisekostenzuschüsse gewäh­ren können, wissen wir noch nicht, da über unseren Förderantrag noch nicht ent­schieden ist. Das Treffen wird aber in jedem Fall stattfinden.

Seminar vorrangig für Eltern von Geschwistern am 27. Juli 2019 in Mainz:
Dieses Seminar wird organisiert vom Angehörigenverein in Mainz; es ist nach 2017 bereits das 2. Seminar dieser Art, das in Kooperation mit dem GeschwisterNetzwerk in Mainz durchgeführt wird. Soweit Plätze frei sind, sind auch Teilnehmer*innen aus anderen Regionen willkommen.

Seminar für Eltern und (gesunde) Geschwister am 26. Oktober 2019 in Hamburg:
Der Landesverband Hamburg der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen hat bereits im letzten Jahr das Angebot für diese gemeinsame Veranstaltung gemacht. Sobald die Planung abgeschlossen ist, werden wir Euch informieren.

Dies gilt auch für die beiden anderen Veranstaltungen. Themenvorschläge, insbesondere für das Treffen in Wiesbaden, sind sehr willkommen; wenn irgend möglich werden wir sie gerne berücksichtigen. [ Kontakt ]

Vorarbeiten für ein Geschwister-Unterstützungsprojekt ab 2020:
Ein wesentliches Anliegen des GeschwisterNetzwerks ist es ja, Wege zu finden, wie sich Geschwister gegenseitig wirkungsvoll unterstützen können, in einem Mix aus Online-Komponenten und persönlichen Begegnungen. Dazu gibt es bereits einige Ideen und wir freuen uns sehr, dass der BKK Dachverband uns Fördermittel zugesagt hat, um im Jahr 2019 ein schlüssiges Konzept zu erarbeiten, das wir dann hoffentlich ab dem nächsten Jahr umsetzen können.

  1. Zu guter Letzt:
    Das GeschwisterNetzwerk wird sich nur weiterentwickeln können, wenn möglichst viele von Euch sich aktiv beteiligen. Deshalb:
    Bitte meldet Euch, wenn Ihr an der einen oder anderen Stelle mitarbeiten wollt, auch wenn Ihr nur begrenzte Zeit zur Verfügung habt. Gemeinsam werden wir sicher einen Weg finden, wie Ihr Euch einbringen könnt. [ Kontakt ]

Wir bedanken uns bei allen, die uns bisher unterstützt haben und freuen uns auf die Zusam­menarbeit mit unseren derzeitigen und zukünftigen Partnern.

Herzliche Grüße
Eure Newsletter-Redaktion

 

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Stern-Gespräch zu retrograder Amnesie mit Max Rinneberg und seiner Schwester Christina (02.02.2019)

Das Gefühl, die vertraute Schwester oder den vertrauten Bruder durch eine psychische Erkrankung zu verlieren, kennen viele Geschwister. Diese Verlusterfahrung ist jedoch nicht auf die Geschwister psychisch Erkrankter beschränkt; die Schwester, deren Bruder aufgrund einer retrograden Amnesie sein Gedächtnis vollständig verloren hat, schreibt: „Ich hätte gern meinen alten Max zurück. Aber: ein ganz tiefes Gefühl für ihn war trotz allem immer vorhanden.“

Leserin Jana* in Brigitte (11.01.2018)

Die Autorin:

„Man kann mit kaum jemandem darüber reden.“ und „Was macht das mit dem eigenen Leben?“
Ihr Wunsch: „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als einen Otto-Normalo als Bruder zu haben.“

Gedanken einer Teilnehmerin beim 1. bundesweiten Geschwistertreffen des Netzwerks

Da sitzen wir
in diesem viel zu großen Raum,
der uns Platz lässt –
zum Annähern und zum Entfernen,
zum Denken und zum Sein.
Freiraum nur für uns,
den wir so
noch nicht kennen.
Ein kostbares Gut.

Früher malte ich mir aus,
euch eines Tages
bei einem Lagerfeuer zu begegnen,
und wissend
gemeinsam mit Euch
in die Flammen zu blicken,
ohne viele Worte zu brauchen.

Sind wir
die übrig gebliebenen Geschwister?

So lang war der Weg hierher,
um erzählen und zuhören zu können.
Und so unfassbar sind diese wenigen Worte,
so beiläufig in den Raum zwischen uns geworfen:
„Ja, das kenne ich auch“, sagst Du
und beginnst mit Deiner Geschichte.

Zum ersten Mal glaube ich diesen Worten,
zum ersten Mal sind sie wahr,
und es durchfährt mich,
als würde augenblicklich
meine Seele gerettet.

Mit einigen von Euch
werde ich wirklich eines Tages
an einem Lagerfeuer sitzen,
da bin ich sicher,
lachend und singend.
Und ich lese euch das hier vor.

Der schwierige Weg zur Autonomie

oder: Die Rolle der schwachen starken Schwester

Gagi K. (eine Schwester)

Auszug aus dem Tagungsbericht vom Geschwisterworkshop beim APK Selbsthilfetag am 05.11.2018 in Berlin; Zitat aus der Zusammenfassung der Diskussion von Reinhard Peukert; zum Tagungsbericht

Schuldgefühle, Rücksichtnahme, Schweigen

Bevor das Verhalten meines Bruders auch für meine Eltern so unerträglich wurde, dass sie seine Erkrankung zur Kenntnis nehmen mussten, war er schon Jahre lang auffällig geworden - aber meine Eltern wollten das nicht sehen, denn Eltern stellen sich ‚typische‘ Fragen: „Was habe ich falsch gemacht?" „Wann und wie hätte ich anders handeln müssen?“  u.s.w. Sie entwickeln Schuldgefühle, und diese Schuldgefühle verleiten zunächst dazu, weg zu schauen, das nahende Unheil zu verdrängen. Darum beschäftigt man sich erst dann mit diesem Thema, wenn es bereits für frühzeitige Hilfen viel zu spät ist, wenn die Krankheit unübersehbar ausgebrochen ist (bei meinem Bruder ist es eine schizophrene Störung). Wenn Du das gesunde Geschwister bist sagst Du Dir: ‚Es gibt schon jemanden zuhause, der selbst sehr leidet und der unseren Eltern unglaublich viel Kummer bereitet‘. Welchen Schluss ziehst Du daraus? Du willst natürlich das gute Kind sein; das Kind, das keine Probleme verursacht; das Kind, das sich um sich selber kümmert; das Kind, worüber Mama nicht weinen muss. Und Du ziehst dich zurück; Du ziehst Dich so dermaßen zurück, dass Du anfängst gar nichts mehr von Dir mitzuteilen, sondern alles immer mit dir selbst auszuknuspern, was Deine Seele so belastet. Und über alle dem schwebt dieses Schweigegelübde, weil wir alle hoffen: ‚Irgendwann mal ist es vorbei, irgendwann mal werden wir das Leben haben, was wir als Familie vor der Krankheit hatten, die Familie wird wieder heil. Deswegen reden wir nicht darüber und die Leute draußen dürfen das auch nicht wissen, weil das stigmatisiert uns alle nur.‘ Du erlebst Unverständnis bis zu Zurückweisungen, wenn Du die Erkrankung offenbarst. Du erkennst bereits als Kind: Du bist eine stigmatisierbare Person, Du kannst stigmatisiert und abgewertet werden, wenn Du offenbarst, die Schwester eines psychisch erkrankten Bruders zu sein -  und so lernst Du zu schweigen.  Aber manchmal wirst Du zu Deinem Bruder bzw. Deiner Schwester befragt, da kannst Du ja nicht immer irgendwelche Geschichten aus der Vergangenheit erzählen, also vermeidest Du voll und ganz  Deinen Bruder zu erwähnen, als gäbe es ihn nicht. Du tötest ihn quasi in Deinen Kommunikationen, das ist ein fürchterliches Gefühl und belastet Dich zusätzlich sehr.

Als Geheimagent ein doppeltes Leben führen

Du läufst ein Leben lang mit einer Geheimhaltung durchs Leben, weil Du über Deinen Bruder nichts Unverfängliches erzählen kannst.  Das zieht viele andere Lügen nach sich, Du musst ein Netz von Phantasie-Geschichten spinnen, Du musst Dir permanent irgendwelche Sachen als fiktive Geschichten ausdenken - und ganz plötzlich lebst du in einer Mission Impossible, wo du als Geheimagent unterwegs bist und guckst, dass Du Dich nicht verplapperst. Du lebst ein zweites Leben. So vergeht Deine Jugend und die ersten Jahre des Erwachsen-Seins mit dem völligen Aussparen dieses bedeutsamen Teils Deiner Person oder mit der Produktion von Fiktionen in Deinen sozialen Kontakten, und ehe man sich versehen hat - ist man selber erwachsen, führt ein eigenes Leben und denkt: ‚Ok, ist eigentlich ok bei mir, ich darf mich nicht beschweren, mein Bruder hat es schwer, mein Papa hat es schwer, meine Mutter hat es schwer. Ich muss ja dieser Leuchtturm sein, der irgendwie Licht reinbringt, der ein positives Beispiel für die  anderen Familienmitglieder sein will und kann, um ihnen zu zeigen, dass das Leben auch schön sein kann - in der Hoffnung, dass sie etwas davon übernehmen können.‘ Du wirst älter, Deine Lebenskräfte lassen nach, Du bist nicht mehr 17 oder 20 Jahre alt, die Lebensprozesse ändern sich. Jenseits des Alters von 30, 40 Jahren beginnen sich die Dinge zu melden, die Du früher so erfolgreich auf die Seite geschoben, verdrängt hast. Alles was ungesagt blieb, alles was wir verdrängt haben, alles was wir irgendwo in irgendwelchen Schubladen verstaut haben krabbelt hervor: die Schubladen fangen plötzlich an, ganz von alleine aufzugehen. Was machst Du dann? Du drückst und drückst, Du schiebst die Schubladen wieder zu. Du bist nun über die Maßen mit dem Zurückdrücken beschäftigt, dass viele andere Dinge darunter leiden. Und dann kommt der Augenblick, wo das nicht mehr geht! Dann merkst Du plötzlich: ‚Oh mein Gott! Ich wusste ja gar nicht, wie sehr mich diese Situation in der Familie belastet hat, auch wenn ich ganz woanders hingezogen bin, damit ich dem eben nicht ausgesetzt bin‘.

Raus aus der unhaltbaren Situation - aber wie?

Wenn Du das begreifst führt Dich das eventuell in eine Therapie, weil Du Dich fragst: ‚Wieso habe ich immer wieder diese nicht zu beschreibenden Schwierigkeiten? Es ist eigentlich alles super, ich bin verheiratet, ich bin glücklich - und trotzdem ist da eine Schwere‘. Diese Schwere ist da, und die kann nicht zur Seite geschoben werden. Alles was ungesagt ist, meldet sich in Form von seelischer Belastung, vielleicht sogar in Form einer Erkrankung. In jedem Falle wird es sich irgendwie äußern, früher oder später. Diese Schwere habe ich mitgenommen in das Leben mit meinem Mann. Er war es auch, der mir nahegelegt hat, die Geschwistergruppe in Berlin zu besuchen. Ich habe nämlich sehr lange gebraucht, um zu der Geschwistergruppe zu gehen; es waren bestimmt 2-3 Jahre bis mein Mann endlich mal gesagt hat: ‚Mein Gott du weißt doch, was kann schon passieren? Also das schlimmste was passiert ist, dass es dir nicht gefällt und dann gehst du nie wieder hin.‘ Und dann bin ich zu der Gruppe gegangen, und dann war ich plötzlich zuhause und zum ersten Mal habe ich begriffen, dass ich nicht alleine bin. Es gibt andere Leute, die genau diese Geschichte durchmachen, die die gleichen Fragen sich stellen, wir alle haben das Gefühl wir müssen brav sein, wir müssen andere nicht belasten, wir müssen die Guten, Netten und die Erfolgreichen und was auch immer sein und dann brodelt aber diese Geschichte selbst dann noch, wenn wir von zuhause ausgezogen sind und möglichst weit weg studieren. Das ist eben "work in progress" und es geht nicht weg. Und der Schmerz und das Erleben, das geht alles nicht weg. Aber die Gespräche in der Gruppe helfen! Wir tauschen uns sehr intim aus, und für mich war das unbedingt notwendig, um meine eigene Seele ein bisschen kennen zu lernen.

Wut - eine hilfreiche Kraft

Ich musste sie alle rausschmeißen, die da nicht hinein hingehören. Also Mama ist zwar wichtig, Papa ist zwar wichtig und Bruder, das sind alles wichtige Menschen, aber dennoch gibt es einen einzigen Menschen, mit dem ich mein Leben lang wirklich bis zum Ende verbringen werde und das bin ich und ich habe sie alle mit mir geschleppt, weil mein Mitgefühl ging so weit, dass ich irgendwann mal verwechselt habe, was ist deren Last, was ist meine Last und ich habe das alles aufgesogen, bis ich dann gemerkt habe ‚Wow, in welchem Business bewege ich mich jetzt gerade, ich verwechsle, ich weiß gar nicht mehr wo sie aufhören, wo fange ich an?‘ Ohne Wut hätte ich es nicht geschafft, sie alle erstmal aus mir heraus zu schmeißen. Es gab sogar eine Phase, wo ich gedacht habe, ich hätte sie dauerhaft rausgeschmissen - aber das war natürlich ein Irrtum. Aber es war wichtig buchstäblich in mir Platz für mich zu schaffen.

Lachen - ein wirksames Ventil

Ich bin mir sicher: je früher man sich austauscht, umso besser. Man sollte das auch nicht unbedingt mit irgendwelchen Freunden oder Bekannten teilen. Präsentierst Du jemandem ein Problem - dann wollen die Angesprochenen in guter Absicht die Dinge reparieren. Du erzählst also etwas, bekommst ein paar Tipps - und dann muss es aber auch gut sein, der Alltag muss seinen Lauf nehmen. Ich kenne wenige Menschen, die mit der Schwere umgehen können, die viele Geschwister in sich tragen. Und das ist ja eine Dauerschwere, weil das kranke Geschwister ist krank und bleibt krank, der Mutter oder dem Vater geht es schlecht damit, u.s.w.. Darum ist es wichtig sich solche Leute zu suchen,  mit denen man darüber reden kann, und das sind die Menschen in vergleichbarer Situation. Mit denen kann man sogar immer mal wieder über Eltern, und das heißt die schwierigen Erfahrungen in der Familie herziehen, man kann sogar Witze über die ganze Misere machen: wir sind ja unter uns, wir verstehen das als wirksames Ventil und nicht als allgemeingültige Beschimpfungen unserer Eltern.“

Gefangen zwischen den Ansprüchen an sich selbst, der Familie und des Hilfesystems

Gagi K. (eine Schwester)

Auszug aus dem Tagungsbericht „Caring for Carers“; 28.09.2018 in Athen; zum Tagungsbericht

Weihnachtsstollen der Versorgung

In ganz Europa ähneln sich die Kämpfe der Angehörigen sehr mit denen, die die Angehörigen in Deutschland zu führen haben.

Wie es scheint, kennt das System sich selbst nicht ganz. Oftmals bekommen die Angehörigen von Ärzten, Behörden, Institutionen uneindeutige, oft entgegengesetzte Informationen und Tipps, was in dieser schweren Situation zu tun sei.

Es ist (der Bericht wurde kurz vor Weihnachten geschrieben) wie das gemeinsame Backen eines Weihnachtsstollens, bei dem jeder eine Zutat dazu tun sollte, es aber keine Absprachen gibt, wer sich um was kümmert oder wann es Sinn macht, welche Zutaten dazu zu geben. Dieser Stollen schmeckt niemandem.

Es ist fast unmöglich für die Angehörigen, Antworten auf die vielen Fragen zu bekommen oder gar einen Plan zu entwickeln.

Carer: mission impossible

Carer zu sein für einen psychisch erkrankten Familienangehörigen ist ein Job, in den man gänzlich unvorbereitet vom Leben rein katapultiert wird.

Es ist auch eine Aufgabe, die nicht vergütet wird und nicht selten einen dermaßen in Anspruch nimmt, sodass keine Zeit oder Kraft für einen anderen Job übrig bleiben. Oft wird diese Aufgabe von außen als ein ethisch moralischer Muss, eine Sache der Selbstverständlichkeit gesehen. Denn, wer sonst –  wenn nicht die Familie? Sei es die Mama, der Vater, die Schwester, der Ehemann …

Die Folgen der mission impossible

Viele Familienangehörige vereinsamen.

Ein Erkrankter in der Familie ist eine Geschichte, die viele, viele Jahre nicht erzählt wird. Man hofft ja, dass alles gut wird und all das ein Ende hat, dass die Familie irgendwann mal wieder frei und unbeschwert weiter leben kann.

Deswegen schweigt man, man weiß ja was für Stigmata das mit sich bringt. Jeder hat es schon irgendwann mal bei einer anderen Familie erlebt oder gehört, das Getuschel, Mitleidsblicke oder gar Garstigkeit. Möchte man die eigene  Familie dem aussetzen?

Manchmal passiert ein Wunder. Das sind Lichtblicke, die Geschichten mit Happy End. Von denen hat auch jeder schon gehört. Deswegen schweigen die Angehörigen und tragen es mit Fassung, in der trügerischen Hoffnung‚ das wird irgendwann schon mal wieder alles gut‘.

In vielen Fällen werden leider aus ein paar Jahren 15 oder 25 lange Jahre mit in den Sand gesetzten Hoffnungen. Es wird nicht wirklich besser. Irgendwann wacht man aus diesem Traum auf, und das eigene Leben lief leise und unscheinbar nebenbei. In den Alltag sind Tränen, Krisen und Krankenhausaufenthalte eingewebt. Dies Alles wurde in der Hoffnung erduldet, irgendwann die gute alte Zeit von “vor der Krankheit” wieder zu erleben.

Die eigene Kraft schwindet; das Schlimmste dabei ist diese schreckliche, sich aufdrängende Frage: Wofür?

Es hat sich nichts geändert, der Kranke ist immer noch krank, nur eben auch älter geworden, so wie der Rest der Welt. Diese Kämpfe mit der Krankheit, die manchmal sogar über die Jahre die Gleichen sind wie die vom ersten Tag dieses ungewollten, neuen Lebens, in das man schicksalhaft gestoßen wurde.

Und dann gibt es noch das “System”: Sozialdienste, Ärzte, Pfleger, Krankenhäuser, Polizeieinsätze. Das System ist wie eine riesige Kletterwand, vor die man gestellt wird, und an der man nun, ohne Sicherung, hochklettern soll. Was bleibt einem übrig, als es immer wieder zu versuchen?

Selbsthilfe hilft

Zum Glück gibt es auch Selbsthilfe und die Selbsthilfegruppen, die oft erst dann besucht werden, wenn die Erschöpfung und das Aufgeben groß geschrieben werden.

Selbsthilfe ist zwar nicht die Antwort auf alles, aber es ist ein riesiger Schritt in Richtung Anerkennung der eigenen Situation und dessen, dass man auch selbst Hilfe in dieser Situation benötigt. Im Austausch fängt die Selbstheilung vieler Angehöriger an, im Begreifen dass man nicht allein ist. Dass es viele Schicksale wie das eigene gibt und das wahrhaftig Nichts unaussprechlich ist, wenn einem die richtigen Zuhörer im richtigen Forum begegnen.

Kein Mensch soll so stark sein müssen, um alles alleine ertragen zu müssen. Und vor allem: Selbst-Isolation ist kein muss und sicherlich kein guter Berater für alle, die nach Antworten für eine Frage suchen.

Darum die Aufforderung:

„Vernetzt euch, sucht Gleichgesinnte, die Euch zuhören wollen und denen auch sie zuhören werden. Und auch wenn sich gerade keine Lösung abzeichnet werdet Ihr dennoch auf andere Gedanken kommen und den Kreis der Einsamkeit durchbrechen“.

Brief an Mama

Gagi K. (eine Schwester)

erschienen in der Zeitschrift Psychosoziale Umschau 3/2017

Neuerdings überkam mich wieder Panik. Panik, dass es dich nicht mehr gibt und ich die Scherben aufsammeln muss und alleine entscheiden muss, was nun mit meinem Bruder passiert.

Er bekommt keine Rente, besucht keinen Arzt, nimmt keine Hilfe an, geht nicht raus.

Ich erzählte meine Gedanken meinem Mann und er sagte: „Seit ich dich kenne, machst du dir diese Sorgen. Bisher hat sich nichts geändert. Alles ist immer noch, wie es war, es gibt immer noch keine Lösung und deine Mutter lebt noch!“

Das ging auf! Ich fing an zu lachen.

Tatsächlich lebe ich in diesem Zukunftshorror-Moment schon so lange, in der Angst vor dem, was mal wird. Was für eine Vergeudung!

Wenn einer so krank ist, ist irgendwie jeder in der Familie krank, auf seine Art und Weise.

Ich weiß nicht, wie es dir dabei geht, zuzusehen wie dein Kind und mein Bruder niemals wird. So viel Hoffnungen und Liebe, Pflege und Geduld hast du investiert, damit er eines Tages seinen Platz in dieser Welt einnehmen kann. Im Leben Fuß fassen, heiraten, selbst Kinder haben, im Job aufsteigen.

Er hatte ganz große Pläne und viele Talente, der goldene Junge.

In diesem März ist er fünfzig geworden. Kein Job, keine Kinder, keine Freunde mehr, keine Zukunftspläne, Tage, die sich öde von einem Schlafzyklus in den nächsten ziehen.

Seit über zwanzig Jahren. Ihr zwei, zusammen. Papa ist nicht mehr, ich lebe weit weg.

Die ersten zehn Jahre (Hut ab dafür!) hast du mich sogar überzeugen können, dass er nur ein wenig braucht, dann klappt alles schon. Du wolltest nicht, dass er krank ist, keiner von uns wollte das.

In dieser Zeit habe ich mehr gehofft, dass er endlich einen Job kriegt und Fuß fasst, als dass ich mich um mich gekümmert habe. Ich dachte, dann können wir alle endlich aufatmen.

Lange versuchte ich zu helfen, ja, dich sogar zu beeinflussen. Ich wollte, dass du weißt, dass du auf mich zählen kannst und ich für dich da bin. Wir führten endlose Gespräche darüber, dass etwas getan werden muss. Ich war jung.

Heute weiß ich, dass ich hoffte, so werde ich wieder das Kind und du wieder meine Mutter. Ich wollte, dass es dir gut geht, damit du dich auch um mich kümmern kannst. Dass du hin und wieder nur für mich da bist, ohne den Schatten meines Bruders, mehr wollte ich nicht. Ich wollte auch, dass es dir gut geht, dass du ein Privatleben hast, dass du glücklich bist.

Als ich weggegangen bin, habe ich euch in meinem Gepäck und meiner Seele mitgenommen. Es hat sehr lange gedauert, bis ich es geschafft habe, in mir auch Platz für mich zu befreien, ohne Schuldgefühle dabei zu haben. Um diesen Platz für mich zu gewinnen, pendelte ich zwischen Trauer, Wut, Schuldgefühlen, Trostlosigkeit, Leere, Wut und manchmal verdrängte ich euch. Niemals für lange, denn das kann ich nicht.

Ich redete bisher mit niemandem über diesen Schatten über unserer Familie, außer mit meinem Mann. Jetzt treffe ich mich mit einer Gruppe einmal im Monat. Die Geschwister psychisch Kranker – romantisch.

In der Gruppe haben wir alle dieses schwarze Mal, keiner starrt mich deswegen an, jeder hat sein eigenes. Ich kann darüber sprechen, wie es mir geht und was mich bewegt, ohne Angst, dass ich mein Gegenüber überfordere. Alle kennen es. Wenn ich erzähle, werden manche mit traurig, andere wirken durch mein Erzählen in die eigene Geschichte zurückgeschleudert, manch einer wirkt aufgeklärt, fast hart, bloß keine Schwäche zeigen. Wir alle sind Hilfesuchende.

Unabhängig davon, wie jeder von uns damit umgeht, sitzen wir alle in diesem Zug zusammen. In dem Zug, in dem wir wenig zu sagen haben, viel miterleben müssen, viel unfreiwillig. Einige von uns sehen mit großer Klarheit, wie die gesamte Familie mit 300 km/h gegen die Wand fährt, doch wir sitzen nicht am Steuer– es sind ja nicht unsere Kinder.

Wenn nichts anderes im Leben geht, der Selbsterhaltungstrieb unserer Geschwister funktioniert meist einwandfrei.

Fühlend, wie deine Kraft schwindet, tastet sich mein Bruder vorsichtig an mich ran, ob ich als neuer „Wirt“ tauge. Er hat Angst, was aus ihm wird. Ich habe Angst, was aus ihm wird – was aus mir wird.

Nach allem, was für ihn getan wurde, soll ich mich noch um ihn kümmern? Ich? Das gefühlt unwichtige, selbsterhaltende, fremde, scheinbar aus der Situation gelöste Kind und doch die Geisel dieser Familiengeschichte.

Mein Bruder soll mein Erbe sein? Alles in mir schreit: NEIN!

Was werde ich wirklich tun, wenn das so ist?

Das weiß ich nicht.

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