Lisa Breinlinger (2019)

Abschlussarbeit im Rahmen der „Großen Basisqualifikation in Trauerbegleitung“ am M.I.T. – Münchner Institut für Trauerpädagogik (gekürzte Fassung)

Viele Geschwister erleben die psychische Erkrankung ihrer Schwester oder ihres Bruders als schmerzlichen Verlust. In dem Buch ‚Wahnsinn um drei Ecken‘ beschreibt die Schwester Friederike Samstag diesen Verlust: „Die Kommunikation mit meinem Bruder war nicht mehr auf die gewohnte Art möglich. Als der Bru­der, den ich kannte, war er nicht mehr erreichbar. Er war da und nicht da. Angefühlt hat es sich wie ein Tod.“

Im Rahmen ihrer Tätigkeit für einen Angehörigenverein ist Lisa Breinlinger solchen Gefühlen bei vielen Geschwistern begegnet, doch häufig sind diese sich gar nicht bewusst, dass ihre Empfindungen vieles gemeinsam haben mit der Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen. Als Trauerbegleiterin hat Lisa Breinlinger ein Trauerseminar speziell für Geschwister mit einer psychisch erkrankten Schwester oder einem psychisch erkrankten Bruder entwickelt, in dem die weitreichenden Folgen von nicht zugelassener und nicht integrierter Trauer bear­beitet werden.

Das Trauerseminar wird vom Angehörigenverein München angeboten; dort sind auch nähere Informationen erhältlich.

Netzwerk von Geschwistern psychisch erkrankter Menschen

Liebe Geschwister,

heute wollen wir Euch wieder einmal mit einigen Informationen und Hinweisen versorgen.

Aktuell: ZDF Redaktion 37 Grad – Themenwoche „Geschwister – ein Band fürs Leben“

Am 14. März 2021 startete das ZDF die Themenwoche. In einem knapp halbstündigen Film „Geschwister“ wird unter anderem auch thematisiert: „Selbsthilfe-Netzwerke: Wenn der Bruder psychisch krank ist“. Zwei Schwestern vom GeschwisterNetzwerk kommen darin zu Wort; vielen Dank den Protagonistinnen!
Mehr: https://geschwisternetzwerk.de/2021-zdf-geschwister-ein-band-fuers-leben/

Artikel und Stellungnahmen

Die letzten Monate sind auch an uns nicht spurlos vorbeigegangen; die Gründe sind sattsam bekannt. Dennoch haben wir die Sache der Geschwister in mehreren Artikeln in die (Fach-)Öffentlichkeit tragen können und haben uns mit Stellungnahmen in die Politik eingebracht. Hier eine kurze Übersicht:

Die Verborgenen und sich selbst Verbergenden – Geschwister psychisch erkrankter Menschen
Sie sind in Deutschland eine heute noch weitgehend übersehene Gruppe. Sowohl in der Forschung als auch in der Praxis scheint es ein Aufmerksamkeitsdefizit zu geben. Die Folgen sind fatal, denn bei Geschwistern aller Altersstufen gibt es Risikogruppen, deren Bedarfe bekannt sind und beantwortet werden müssen.
Artikel in Sozialpsychiatrische Informationen 3/2020
Mehr lesen

Familiengeschichte(n) – Es ist eine Zeit angekommen … die bringt uns neues Leid
Können sich Belastungen und Traumata intergenerationell auswirken? Studien und Beobachtungen sprechen dafür.
Artikel in Sozialpsychiatrische Informationen 3/2020
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Geschwister repräsentieren Normalität
‚Kamingespräch‘ mit Reinhard Peukert
Artikel in Psychiatrische Pflege 3/2020
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Viel Schönes auf dieser Welt ist durch die Verarbeitung von Trauer entstanden
Gagi K. im Gespräch
Artikel in Kontakt 01/2020 (Mitgliederzeitschrift des österreichischen Angehörigenverbands HPE (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter); Themenheft „Geschwister“)
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Das GeschwisterNetzwerk in Deutschland – Ziele, Aktivitäten, Herausforderungen
Artikel in Kontakt 01/2020 (s.o.)
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Projekt ‚Dialog zur Weiterentwicklung der Hilfen für psychisch erkrankte Menschen‘ des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG)
Im Rahmen dieses Projektes haben wir zwei Stellungnahmen zum Unterstützungsbedarf für die Geschwister psychisch erkrankter Menschen eingebracht und konnten unsere Forderungen bei mehreren Abstimmungsgesprächen vertreten.
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Was steht demnächst an?

Da derzeit und bis auf Weiteres leider nicht absehbar ist, ob und wann und unter welchen Bedingun­gen ein Treffen von Geschwistern wieder möglich sein wird, möchten wir daran erinnern, dass Ihr Euch in unserem Forum austauschen könnt. Damit ihr dort anonym bleiben könnt, ist eine separate Registrierung im Forum erforderlich. Gerne stellen wir Euch auch nicht-öffentliche Forumsbereiche zur Verfügung, wenn sich Gruppen zusammenfinden, die einen geschützten Raum bevorzugen. Über unsere Website gelangt ihr zum Forum.

Es ist unser Ziel, Euch in diesem Jahr noch ein ‚richtiges‘ Treffen anbieten zu können und wir werden uns bemühen, flexibel Möglichkeiten zu nutzen, die sich – hoffentlich – eröffnen.

Bitte um Eure Unterstützung

Einige von Euch werden sicher häufig auf Facebook, Instragram oder anderen Plattformen unterwegs sein. Wir würden uns sehr freuen, wenn sich jemand von Euch finden würde, die oder der dort (regelmäßig) auf Filme, Videos, Bücher, Texte, etc. zu unserem Thema achtet und uns ‚Funde‘ mitteilt, damit wir diese allen Geschwistern über unsere Homepage und/oder den Newsletter zugänglich machen können.
Wer interessiert ist: bitte meldet Euch über unser Kontaktformular.
Noch besser wäre, wenn jemand Lust darauf hätte, auf einer der Plattformen einen Account für das GeschwisterNetzwerk aufzubauen.

Das war’s für heute. Wir wünschen Euch trotz aller Beschwernisse eine gute und vor allem gesunde Zeit!

Herzliche Grüße
Eure Newsletter-Redaktion

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2021 ZDF Themenwoche Geschwister
Quelle: www.instagram.com/zdf37grad

ZDF (2021)

Redaktion '37 Grad'

Themenwoche mit Geschichten und Fakten zu "Geschwistern"

Am 14. März 2021 startete das ZDF einen Themenschwerpunkt „Geschwister“ mit Bildern, Filmen, etc. Auf Instagram und Facebook können sich Geschwister mit Beiträgen beteiligen. 

2021 ZDF Themenwoche Geschwister
Quelle: www.zdf.de/gesellschaft/sonntags

Teil der Themenwoche ist ein knapp halbstündiger Film „Geschwister“, der am 14. März 2021 in der Reihe ’sonntags‘ gesendet wurde und jetzt in der Mediathek verfügbar ist. In dem Film wird auch thematisiert

„Selbsthilfe-Netzwerke: Wenn der Bruder psychisch krank ist“.

Wir freuen uns, dass zwei Schwestern vom GeschwisterNetzwerk dabei mitwirken konnten.

hier direkt starten (Spotify)

APK München (2021)

Podcast zur Funktion von Trauer im Leben von Angehörigen psychisch Erkrankter - zu Wort kommen eine Schwester und ihre Mutter

Der Podcast ist eine Gemeinschaftsproduktion der 'Oberbayerischen Initiative der Angehörigen psychisch Kranker' und der 'Aktionsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker, ihrer Freunde und Förderer München (APK München)'

Viele Geschwister empfinden es als Verlust ihrer Schwester oder ihres Bruders, wenn sie oder er psychisch erkrankt. Die Schwester oder der Bruder, die sie kannten und die ihnen vertraut waren, gibt es so nicht mehr. Dies ist ein Erleben, das vieles gemeinsam hat mit der Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen.

In dem Podcast sprechen Lisa, eine Schwester, und ihre Mutter Karina, beide Trauerbegleiterinnen, über diese Trauer und wie man mit ihr umgehen kann.

Reinhard Peukert (2020)

Der Artikel wurde veröffentlicht in Sozialpsychiatrische Informationen 3/2020

Zusammenfassung:

Die Geschwister psychisch erkrankter Menschen sind in Deutschland eine heute noch weitgehend übersehene Gruppe. Sowohl in der Forschung als auch in der Praxis scheint es ein Aufmerksamkeitsdefizit zu geben. Dabei machen es die Geschwister dem Hilfesystem und den Familien leicht, übersehen zu werden. Die Folgen für die Hilfepraxis sind fatal, denn bei Geschwistern aller Altersstufen gibt es Risikogruppen, deren Bedarfe bekannt sind und beantwortet werden müssen. Mehr noch: Geschwister können im Behandlungssetting eine Ressource darstellen.

Die Ergebnisse aus den wenigen deutschen Studien, aus ca. 140 Interviewtexten, einem knappen Dutzend Protokollen von Geschwister- und Geschwister-Eltern-Treffen, Selbstzeugnissen im Geschwisterforum sowie umfangreichen internationalen Forschungen und Praxisberichten stehen in Kürze als Monographie zur Verfügung, aus der hier einige Aspekte angerissen werden.

Sag‘ mir, wo die Geschwister sind …
Eine Frage an Professionelle, die Herkunftsfamilie und die Geschwister selbst

Frage an die Geschwister

In Deutschland leben nach eigenen Berechnungen etwa zwei Millionen Geschwister von psychisch Erkrankten vom Kindes- bis zum Greisenalter, von denen viele erheblich belastet, etliche sogar einer Risikogruppe zuzurechnen sind – warum meldeten sich Einzelne von ihnen erst vor wenigen Jahren öffentlich zu Wort? Im englischsprachigen Ausland gibt es schon seit den 1990er-Jahren Forschungen und Hilfsangebote, beides zumeist von Geschwistern (mit-)initiiert.

Die Antwort geben die Geschwister selbst. Bevor sie in Gruppen aufeinandertrafen, ging jede und jeder davon aus, das eigene Erleben sei einmalig und sie müssten damit allein fertigwerden. Sowohl in den üblichen Angehörigengruppen als auch in therapeutischen Settings empfanden sie sich als ‚nur eine Schwester, nur ein Bruder‘. Dennoch bildeten einige wenige von ihnen separate Geschwistergruppen wie in Berlin und München; das GeschwisterNetzwerk regt weitere Gruppen an, die bereits initiierten findet man auf der Homepage.

Die individuelle Bereitschaft von Geschwistern, sich selbst aktiv zu verbergen ist in der familiären Dynamik begründet.

Frage an die Herkunftsfamilien

Auch in den eigenen Herkunftsfamilien werden viele der Geschwister unsichtbar. Geschwisterkinder kommen vor allem dann ins Spiel, wenn sich Eltern die beängstigende Frage stellen: Was wird, wenn wir nicht mehr sind? Ansonsten spielt sich für die Geschwister eine typische familiäre Rolle ein, die ihnen selbst und ihren Eltern vorgaukelt, sie seien die gesunden, starken und problemlosen Kinder, Jugendlichen und später auch Erwachsenen; sie sehen sich selbst z. B. als die große starke (kleine schwache) Schwester. Sie neigen dazu, ihre Bedürfnisse und ihre verwirrenden Gefühle vor sich selbst und der Familie zu verbergen, um nicht zum Leid der Familie beizutragen. Diese Rollendefinition wird von Eltern nur zu gern bestätigt, da sie sich mit den Fragen der Erkrankung und deren Begleitumständen voll und ganz ausgelastet, wenn nicht bereits überlastet sehen.

Die Frage nach dem ‚Später‘ treibt die Familienmitglieder bereits sehr bald nach Erkrankungsbeginn um, aber über viele Jahre hinweg wird darüber nicht miteinander gesprochen. Das bleibt nicht ohne Kosten. Viele Eltern machen sich später Vorwürfe, Geschwisterkinder übersehen zu haben und auf deren Bedürfnisse nicht eingegangen zu sein; für viele Geschwister wirkt das familiäre Schweigen wie ein Trauma, denn nicht nur ›die bange Frage‹ wird familiär exkommuniziert, sondern auch das sich ausbreitende Gefühlschaos mit vielfältigen Ambivalenzen sowie die interaktiven Dilemmata, mit denen sie die familiäre Dynamik konfrontiert. Tikva Natan (1981) hat dafür die prägnante Bezeichnung ‚conspiracy of silence‘ eingeführt (zitiert in Nir 2018).

Geschwister leiden massiv unter den stillen Erwartungen der Eltern, wobei sie einerseits die direkten und indirekten Ansprüche der Eltern gern im Interesse der eigenen Selbstentwicklung zurückweisen würden, andererseits der Schwester oder dem Bruder liebend gern zur Seite stehen würden und zugleich sehr wohl das Leid der Eltern schmerzlich mitempfinden. Und nun? Häufig wird, um mit den Dilemmata fertigzuwerden, ein Moratorium gewählt: das frühzeitige bedingte Verlassen der Herkunftsfamilie, um nicht vollständig mit ihr brechen zu müssen. Kinsella u. a. (1996) nannten es ‚constructive escape‘, in Abgrenzung zu ‚unhealthy escapes‘, wozu sie unumstößliche Kontaktabbrüche und Substanzmissbrauch zählen.

Frage an die professionellen Leser dieses Beitrags

Wo sind in Deutschland die vielen Geschwister, die im (Gemeinde-)psychiatrischen Feld aktiv sind, und wie bringen sie ihre speziellen Erfahrungen ein? Studien und informelle Anfragen bestätigen: Es müssen recht viele sein.

Eine Reihe von Autoren konnte belegen, wie die Erfahrung, als Schwester oder Bruder eines psychisch erkrankten Geschwisters aufzuwachsen, zu Persönlichkeitsmerkmalen und Kompetenzen führt, die geradezu für soziale Berufe prädestinieren: Unabhängigkeit, Kreativität, Empathie, Resilienz, Selbstbehauptung (Kinsella u. a. 1996); Friedrich u. a. (1999) betonen Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Geduld; Barack u. a. (2005) fanden im Vergleich mit Kontrollen ohne diese Erfahrung eine höhere Sensitivität anderen gegenüber, stärkere Zielorientierung, erhöhte Kreativität, erhöhtes Durchsetzungsvermögen, größere Unabhängigkeit und ein höheres Selbstvertrauen.

Bei einem Teil der Geschwister resultieren die besonderen Herausforderungen langfristig in einem persönlichen Gewinn; bei anderen jedoch in einer defizitären Lebenssituation, für ca. 15 Prozent von ihnen sogar in psychischen Erkrankungen, zum Teil mit einer höheren Krankheitslast als die Kinder eines psychisch erkrankten Elternteils (Cheng u. a. 2018; Popovic u. a. 2018).

Die drei Aufmerksamkeitsdefizite (Forschung, soziale und medizinische Praxis, Herkunftsfamilie) verstärken die ohnehin prekäre Lebenslage der Geschwister. Das GeschwisterNetzwerk wurde im Jahr 2017 auch deshalb ins Leben gerufen, um dies in informiert-aktive Aufmerksamkeit zu verwandeln. Außerdem finden Geschwister in einem Forum des Netzwerks Möglichkeiten für einen leicht zugänglichen Austausch.

Das Alter der Erstkonfrontation mit der Erkrankung und das Geschlecht machen einen Unterschied

Der Schwerpunkt der Erfahrungen des GeschwisterNetzwerks, aber auch der Literatur liegt bei erwachsenen Geschwistern. Die spärlichen für Geschwister im Kindesalter vorliegenden Daten verweisen vornehmlich auf die ungleich dramatischeren Belastungen dieser Geschwisterkinder (Barnett u. a. 2012).

Summer schreibt im Forum des GeschwisterNetzwerks: „Bei meiner Schwester (50 Jahre alt) wurde vor gut 30 Jahren eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Im Rückblick hörte damit meine durchaus glückliche Kindheit auf. (…) Als damals 11-jährige habe ich nicht ansatzweise verstanden, was da passiert.“ Und sie fährt fort: „Jetzt, 20 Jahre später (…) waren plötzlich alle Gefühle wieder da: Angst, Scham, Überforderung, Wut, Hilflosigkeit.“ Dies ist ein typisches Zitat bei der Rückschau auf den Erkrankungsbeginn des Geschwisters; es verdeutlicht zudem die ‚Langzeitwirkungen‘, die in den Geschwistergruppen gemeinsam bearbeitet werden.

Je älter die Geschwister sind, wenn die Erkrankung in die Familie einzieht, desto weiter ist die eigene Persönlichkeitsentwicklung fortgeschritten, und desto weniger einschneidend wirken sich die Eruptionen aus. Darüber hinaus gibt es deutliche Hinweise auf ein stärkeres Belastungserleben von Schwestern, begründet in deren höherer Bereitschaft zur Sorge, was den Konflikt zwischen familiärer Einbindung und Individuation verschärft.

Wird man als junger Erwachsener erstmals mit der psychischen Erkrankung des Geschwisters konfrontiert, werden nicht selten als Bewältigungsversuch Engagements gewählt, deren Sinnhaftigkeit infrage gestellt werden muss. Dazu gehören z. B. Bemühungen, Krankenhausaufenthalte zu vereiteln oder Fantasien, durch Zuwendung allein die Krankheit zu heilen oder die Auffassung, die Eltern müssten sich anders verhalten, dann wäre alles wieder gut. Solche Fantasien hatte auch der Autor dieses Textes zu Beginn der Erkrankung seines Bruders Ingo, bis der ihn die Realitäten einer psychischen Erkrankung lehrte.

Man darf darin den Versuch erkennen, sich in der unverstandenen und nicht beeinflussbaren Situation der Ersterkrankung wenigstens in der Fantasie Handlungsfähigkeit zu suggerieren. Der Autor fand seine Handlungsfähigkeit erst viele Jahre später durch das Engagement für gemeindepsychiatrische Versorgungsstrukturen zurück, die sein Bruder allerdings – da zu paternalistisch – für sich selbst ablehnte.

Bei einigen Geschwistern sind ähnliche Verarbeitungsversuche zu erkennen, wenn z. B. ein Bruder vehement für Psychotherapie bei psychischen Erkrankungen kämpft, gegen die aus seiner Sicht einseitige Behandlung mit Medikamenten. Oder wenn mehrere Schwestern für sich als Lebensziel den Kampf für eine ‚gute Versorgung‘ erkennen und dafür bisherige Berufskarrieren aufgeben (siehe u. a. Hauschild 2019).

Titelmann (1991) würde das eine quasi maniforme Verarbeitung der eigenen Hilflosigkeit nennen, wobei sich das Versorgungssystem in seiner grundsätzlichen Unvollkommenheit vorzüglich dafür eignet. Qua Externalisierung könne, würde Titelmann sagen, den Mängeln des Versorgungssystems oder Personen wie den Eltern die eigene Hilflosigkeit und das eigene Schulderleben übertragen werden.

Schwester oder Bruder eines psychisch erkrankten Menschen sein – Herausforderungen, Belastungen und Chancen

Erkrankt ein Familienmitglied, werden alle Routinen und Rollen durcheinandergerüttelt, nichts ist mehr so wie vorher; dennoch wird der Wunsch, alles möge wieder so werden wie früher, sehr lange aufrechterhalten. Schon frühe Studien haben hervorgehoben: Am stärksten ist die Rolle der Geschwister innerhalb und außerhalb der Familie betroffen (Lively u. a. 1995; Schrank u. a. 2007, S. 223), neben dem nur schwer zu händelnden Gefühlsmix, den Folgen für die Bindung zu der erkrankten Schwester bzw. dem Bruder sowie der familiären Dynamik, die als interaktive Dilemmata für die Geschwister sowohl als Ursache wie auch als Wirkung imponieren.

Geschwisterliche Bindungen – eine Bindungsreserve

Geschwisterbeziehungen gehören zu den intensivsten im Leben eines Menschen. Nach Schneewind stellen Geschwisterbeziehungen „… einen Beziehungstypus ganz besonderer Art dar (…), da sie in der Regel die am längsten währende unaufkündbare und annähernd egalitäre menschliche Beziehung ist, die auf einer gemeinsamen Vergangenheit beruht“ (Schneewind 2000, S. 160).

Frick (2015) betont das ‚unauflösbare Band‘ aufgrund gemeinsamer Herkunft und Entwicklungserfahrung. Bank und Kahn (1989, S. 8) halten die Geschwisterbeziehungen für die dauerhaftesten und einflussreichsten Beziehungen überhaupt, die selbst nach einem Kontaktabbruch fortbestehen.

Genser (2010) hat Geschwister in einer psychiatrischen Klinik beobachtet. Er sah einen „geschwisterlichen Umgang von einer spezifischen Nähe bei gleichzeitig unbedingter wechselseitiger Anerkennung der eigenen Persönlichkeit“ (ebd., S. 53). Geschwister stehen deutlich seltener in der Gefahr wie Eltern, von denen einige einer Studie zufolge in der Betreuung ihres Kindes ihre ‚Lebensmission‘ erkennen (Schwartz u. a. 2002).

Die besondere Beziehung generiert eine geschwisterliche Bindungsreserve. In turbulenten Zeiten, in denen die Eltern keinen Zugang zum Erkrankten mehr finden und ggf. auch die Behandler an eine Grenze stoßen, können Geschwister in Kontakt bleiben. Aus familientherapeutischer Sicht sagt Thomas Bock: „Geschwister katalysieren heraus, was krankheitsspezifisch ist und welche Reibungen in der Familie vom Generationenkonflikt herrühren.“ (Bock zitiert in Hauschild 2019, S. 187) Die positiven Geschwisterbeziehungen stellen für das psychisch erkrankte Geschwister eine eindeutig feststellbare Ressource bzw. ein ‚healing potential‘ dar (siehe Bojanowski 2016; die Altersspanne der Probanden reichte vom 4. bis zum 18. Lebensjahr).

Gefühle und Ambivalenzen

Auf dem Hintergrund der geschwisterlichen Bindungsqualität löst die Erkrankung eine in sich widersprüchliche Gefühlskaskade mit tief greifenden Ambivalenzen aus. Stålberg u. a. (2004, S. 448 f.) fanden ebenso wie Barak u. a. (2005, S. 237) Gefühle von Liebe und Kummer, Wut und Zorn (Neid eingeschlossen) sowie Schuld und Scham. Sin u. a. (2012, S. 55) zählen in ihrer Befragung von Geschwistern Ersterkrankter folgende Gefühle auf: Verzweiflung, Distanzierung, Verlegenheit, Angst (um sich, um ihr Geschwister, um ihre Familie), Schuld, Hoffnungslosigkeit, Verlust und Kummer, Ärger, Schock und Trauer. Titelmann (1991, S. 80) spricht von einer ‚too-close-and-too-distant experience‘, der Erfahrung zugleich zu nahe und zu fern zu sein.

Neben die genannten Gefühle treten ängstlich besetzte Befürchtungen, von denen die Angst, selbst psychisch zu erkranken, besonders einschneidend erlebt wird. Diese Angst wird von den landläufigen Debatten um den genetischen Anteil an psychischen Erkrankungen befeuert und führt bei einigen Geschwistern bis zur Aufgabe eines Kinderwunsches. Dabei wird der ‚genetische Anteil‘ überschätzt. Selbst renommierte Genetiker bezweifeln, dass die erhöhte Krankheitslast bei Geschwistern allein den Genen zuzumessen sei. Im Gegenteil: Die von Ambivalenzen und interaktiven Dilemmata geprägte Belastungssituation spielt eine herausragende Rolle bei der Krankheitslast, was sowohl von Fallgeschichten als auch epigenetischen Studien untermauert wird. (Diese Thematik ist für Geschwister von so großer Bedeutung, dass Argumente und empirische Belege in der in Kürze erscheinenden Monografie desselben Autors unter Mitarbeit von Leonore Julius ausgeführt werden; der hier vorliegende Beitrag greift einige Aspekte der Monografie auf; Peukert 2020.)

Gefühlskaskaden und Herausforderungen formen sich zu einem komplexen Dilemma

Das Dilemma resultiert aus dem miterlebten Leid des geliebten Menschen, der immer wieder aufkeimenden Wut über sein unangemessenes Verhalten, seiner Absorption der elterlichen Aufmerksamkeit und Fürsorge, der Erwartung der Eltern, sich an der Sorge zu beteiligen, dem gleichzeitig starken Wunsch zu helfen – gepaart mit der Erfahrung, keinen durchgreifenden Erfolg der Bemühungen zu sehen und der ‚geschwistertypischen‘ Solidaritätsschuld: dem Gefühl, nie ausreichend für das Geschwister zur Verfügung zu stehen – und dies alles gerahmt von der alterstypischen Aufgabe, eine mit sich identische handlungsfähige Person zu werden, u. a. die Ablösung vom Elternhaus, die Anbahnung einer Beziehung mit einer längerfristigen gemeinsamen Perspektive, die Stabilisierung der beruflichen Orientierung.

Vielen Geschwistern gelingt es im Austausch mit Peers, ihre emotionalen Ambivalenzen zu erkennen und sich von empfundenen Verpflichtungen und Schuldgefühlen zu befreien, um sich dann bewusst und eigenverantwortlich für Art und Umfang ihrer Beteiligung an Unterstützungsmaßnahmen zu entscheiden. „(Ich habe es geschafft,) sie alle erst mal aus mir herauszuschmeißen. Es gab sogar eine Phase, wo ich gedacht habe, ich hätte sie dauerhaft rausgeschmissen – aber das war natürlich ein Irrtum. Aber es war wichtig, buchstäblich in mir Platz für mich zu schaffen, (…) um zu mir zu kommen.“ (Eine Schwester aus der Berliner Geschwistergruppe).

Für viele Autoren (u. a. Schmid u. a. 2009) ist das der tagtägliche Lebenskonflikt der Geschwister: sich von der erkrankten Schwester bzw. dem Bruder sowie den Eltern um der eigenen Individuation willen zu lösen – ohne dafür mit schweren Schuldgefühlen bezahlen zu müssen. Daher sind die im Folgenden aufgezählten Bewältigungsmuster zumeist höchst labile, nur vorübergehend funktionale Weisen, in den Widersprüchen psychisch zu überleben. Es sei daran erinnert: Bei vielen Geschwistern führt dies zu einem deutlichen Gewinn für die eigene Persönlichkeitsentwicklung, für andere in eine prekäre Lebenssituation.

Schuldgefühle und Bewältigungsstrategien

Aus den Interviews und Protokollen sowie der internationalen Literatur konnten sechs probate Strategien von Geschwistern herausgelesen werden.

  • Die psychisch-mentale Strategie (die Bindungen zum Geschwister und den Eltern möglichst weit herunterschrauben)
  • Die kognitive Vermeidung qua Ablenkung z. B. durch Arbeit oder Hobbys
  • Der Erkrankung des Geschwisters einen Sinn für das eigene Leben geben
  • Die objektivierende Professionalisierung
  • Die systemische Strategie: das partielle familiäre Schweigen
  • Die körperlich-physikalische Strategie: Moratorium bzw. konstruktive Flucht

Die ersten beiden Strategien verstehen sich von selbst.

In den Interviews und Studien finden sich unterschiedliche Wege, der Erkrankung einen Sinn für das eigene Leben zu geben. Dazu zählen die Bemühungen um das öffentliche Verständnis für psychisch erkrankte Menschen, und auch die Übernahme von Hilfeverantwortung dem erkrankten Geschwister gegenüber kann als Sinngebung re-interpretiert werden. Allerdings stehen dem Kosten gegenüber. Nach den Studienergebnissen von Jansen u. a. (2015) sowie Taylor u. a. (2008) korreliert die Übernahme von Hilferollen durch die Geschwister mit geringerer psychosozialer Funktionalität, höherer Belastung, ungenügendem Kümmern um die eigene Selbstsorge und verringerter Fähigkeit, Erwartungen an die Rolle als Erwachsener zu erfüllen. Auf der anderen Seite dürfen diese Geschwister mit einer erhöhten Aufmerksamkeit seitens der Eltern rechnen.

Nicht selten ist die Sinngebungsstrategie mit der ›objektivierenden Professionalisierung‹ verbunden, nämlich mit einer zunehmend professionelleren Beschäftigung mit Fragen psychischer Erkrankung bis hin zu Versorgungsfragen, was nicht selten zu einem Berufsleben im psychiatrischen (Um-)Feld führt. Mit einem (ggf. auch nur quasi-)professionellen Blick auf das eigene Erleben wird es ent-subjektiviert, ein intellektueller Abstand wird hergestellt, indem das Erleben nach außen gekehrt und dort einer professionell-distanzierten Betrachtung zugänglich wird. Dem Hilfeimpuls kann widerspruchsfrei gefolgt werden, und lt. Lively u. a. (1995) werden damit zugleich die Gefühle von Inkompetenz und Schuld kompensiert.

Dies gilt uneingeschränkt für den Autor dieses Textes; selbst den Suizid meines Bruders habe ich als Lehre für mich uminterpretiert. „… sein Suizid hat mich Demut gelehrt, verbunden mit der Einsicht, schwere Schicksalsschläge auch mal als das hinzunehmen, was sie sein können: Schicksal, das sich auch mit bestem Wollen und Handeln nicht ändern lässt“ (Peukert 2008).

Das partielle familiäre Schweigen wird als systemisch charakterisiert und es ist dysfunktional-funktional, da – wie oben ausgeführt – alle Familienmitglieder in aktiver Passivität an der Aufrechterhaltung beteiligt sind. Sie sind sich einig darin, ‚keine schlafenden Hunde zu wecken‘ und gehen vorsichtig miteinander um; wechselseitige Erwartungen, Zorn und Wut (aufgrund nicht erfüllter Erwartungen bzw. Wünsche) werden unterdrückt, was später zu Schuldgefühlen und Selbstzweifeln führen kann. Die ‚große starke (kleine schwache) Schwester‘ ist in diesem Umfeld die gängige Geschwisterrolle, die sich in der Familie einspielt: das nach außen starke und problemlose Kind, das sich selbst als klein und schwach wahrnimmt, und sich so vor Dritten und sich selbst verbirgt.

Das Moratorium ist die Strategie, durch ‚physikalische Distanzierung‘ aus den belastenden familiären Interaktionsbeziehungen Raum für die eigene Persönlichkeitsentwicklung herzustellen, und zugleich das familiäre Band aufrechtzuerhalten. Doch das Moratorium hat eine nur begrenzte Schutzwirkung. Immer wieder werden das erkrankte Geschwister oder die Eltern drängend präsent, nicht nur in Krisensituationen. Auch im Moratorium müssen sich die Geschwister immer wieder sagen: „Ich habe ein Recht auf ein eigenes Leben!“ – und sofort schleicht sich Zweifel ein.

Primäres Ziel und verborgene Falle professionellen Helfens

Alle Strategien enthalten das Moment der Distanzierung – von den bedrängenden Erfahrungen, von dem erkrankten Geschwister und/oder der familiären Dynamik. Die Distanzierungen führen nur zum Schein zu einer Reduktion der Betroffenheit, was die unzureichende professionelle Wahrnehmung der Lebensrealität der Geschwister erklären kann.

Alle Bemühungen um Geschwister sollten darauf hinwirken, die natürlichen Geschwisterbeziehungen zu erhalten oder wiederherzustellen. Der ‚Wert‘ des Geschwisters für die erkrankte Schwester bzw. den Bruder, aber auch für die Eltern beruht auf der geschwisterlichen Bindungsreserve. Geschwister sollten sich nicht dazu verführen lassen, in die Rolle eines Kümmerers zu schlüpfen wie die Mütter oder in die Rolle eines Co-Therapeuten, wie es von Josef Bäuml, dem frühen und vehementen Verfechter der Psychoedukation sowie Initiator der Arbeitsgruppe ‚Psychoedukative Interventionen bei der Behandlung schizophrener Erkrankungen‘ (Bäuml 2007) und anderen Professionellen eine Zeit lang propagiert wurde. Ingo, der Bruder des Autors, sagte vor Jahren, als dieser in eine semiprofessionelle Rolle verfiel: „Ich brauche einen Bruder, keinen weiteren Behandler!“

Beginnt man als professioneller Helfer mit Geschwistern das Gespräch, werden diese voraussichtlich alle erlernten Schutz- und/oder Bewältigungsmuster aktivieren. Diese hatten es ihnen bisher möglich gemacht, die widerstreitenden Gefühle, Schuldgefühle eingeschlossen, und interaktiven Dilemmata halbwegs erträglich lebbar zu machen. Die meisten von ihnen haben gelernt, ‚ihr Innenleben‘ im sozialen Austausch nicht erscheinen zu lassen, so wie sie auch gelernt haben, die Erkrankung des Geschwisters aufgrund der damit gegebenen Stigmatisierungsmöglichkeit im alltäglichen Umgang zu verbergen. Zudem schränkt die scheinbare Reduktion der eigenen Betroffenheit deren Sichtbarkeit deutlich ein, was die Gefahr in sich birgt, selbst im professionell zugewandten Gespräch an ihnen vorbeizureden.

Literatur

Bach, C. (2019): Langfristige Auswirkungen der Belastungen von Geschwistern an Schizophrenien erkrankter Menschen In: Aktion Psychisch Kranke: Tagungsband 45. Bonn: APK, 126 – 133

Bäuml, J. (Hg.) (2007): Psychoedukation – bei schizophren Erkrankten. Konsenspapier der Arbeitsgruppe ‚Psychoedukative Interventionen bei der Behandlung schizophrener Erkrankungen‘. 2. erweiterte und aktualisierte Auflage. Stuttgart: Schattauer

Bank, S.P.; Kahn, M.D. (1989): Geschwister-Bindung. Innovative Psychotherapie und Humanwissenschaften Bd. 44, Paderborn: Junfermann

Barak, D.; Solomon, Z. (2005): In the shadow of schizophrenia: A study of sibling’s perceptions. In: The Israel Journal of Psychiatry and Related Sciences 42 (4), 234 – 241

Barnett, R.A.; Hunter, M. (2012): Adjustment of sibling of children with mental health problems: Behaviour, self-concept, quality of life and family functioning. In: Journal of Child and Family Studies 21(2), 262 – 272

Bojanowski, S. (2016): Geschwisterbeziehungen im Kontext psychischer Erkrankungen. Dissertation Universität Potsdam; darin enthalten: Bojanowski, S.; Nisslein, J.; Riestock, N.; Lehmkuhl, U.: Siblings relationships of children and adolescents with mental disorders – risk factor or resource? Manuskript, 89 – 102

Cheng, C. M.; Chang, W. H.; Chen, M. H.; Tsai, C. F.; u. a. (2018): Co-aggregation of major psychiatric disorders in individuals with first-degree relatives with schizophrenia: a nationwide population-based study. In: Molecular Psychiatry 23 (8), 1756 – 1763

Frick, J. (2015): Ich mag dich – du nervst mich. Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben. Bern: Hogrefe; 4. überarbeitete und ergänzte Auflage

Friedrich, R.M.; Lively, S.; Buckwalter, K.C. (1999): Well siblings living with schizophrenia. Impact of associated behaviors. In: Journal of Psychosocial Nursing and Mental Health Services 37(8), 11 – 19

Genser, B. (2010): Nachrichten aus einer psychiatrischen Klinik. Norderstedt: Books on Demand Verlag

Hauschild, J. (2019): Übersehene Geschwister. Das Leben als Bruder oder Schwester psychisch Erkrankter. Weinheim, Basel: Beltz Verlag

Jansen, J. E.; Gleeson, J.; Cotton, S. (2015): Towards a better understanding of caregivers distress in early psychosis: A systematic review of the psychological factors involved. In: Clinical Psychological Review 35, 56 – 66

Kinsella, K. B.; Anderson, R. A.; Anderson, W. T. (1996): Coping skills, strengths, and needs as perceived by adult offspring and siblings of people with mental illness: A retrospective study. In: Psychiatric Rehabilitation Journal 20 (2), 24 – 32

Lively, S.; Friedrich, R.M.; Buckwalter, K.C. (1995): Siblings perception of schizophrenia: Impact on relationships, roles and health. In: Issues in Mental Health Nursing 16(3), 225 – 238

Natan, T. (1981): Second generation Holocaust survivors in psycho-social research. In: Dapim Leheker Tkufat Hashoa 2, 13 – 26

Nir, B. (2018): Transgenerational transmission of holocaust trauma and its expressions in literature. In: Genealogy 2 (4), 49

Peukert, R. (2008): Geschwister sind auch Angehörige – wie die anderen auch, aber doch anders. In: Binder, W.; Bender, W. (Hg.): Angehörigenarbeit und Trialog. Auf dem Weg zu einer Trialogischen Psychiatrie. Köln: Klaus Richter Verlag, 105 – 127

Peukert, R. (2017): Erlebte, gelebte, erlittene Verantwortung von Schwestern und Brüdern eines psychisch erkrankten Geschwisters. In: Aktion Psychisch Kranke; Weiß, P.; Heinz, A. (Hg.): Verantwortung übernehmen. Verlässliche Hilfen bei psychischen Erkrankungen. Tagungsband 43, Bonn: APK, 168 – 190

Peukert, R. (2020): Monographie: Wie geht es denn den Schwestern und Brüdern (Arbeitstitel); in Vorbereitung

Popovic, D.; Goldberg, S.; Fenchel, D.; Frenkel, O.; u. a. (2018): Risk of hospitalization for psychiatric disorders among siblings and parents of probands with psychotic or affective disorders: A population-based study. In: European Neuropsychopharmacology 28 (3), 436 – 443

Schmid, R.; Schielein, T.; Binder, H.; Hajak, G.; Spiessl, H. (2009): The forgotten caregivers: Siblings of schizophrenic patients. In: International Journal of Psychiatry in Clinical Practice 13 (4), 326 – 337

Schneewind, K.A., (Hg.) (2000): Familienpsychologie im Aufwind. Brückenschläge zwischen Forschung und Praxis. Göttingen: Hogrefe Verlag.

Schrank B.; Sibitz, I.; Schaffer, M.; Amering, M. (2007): Zu Unrecht vernachlässigt: Geschwister von Menschen mit schizophrenen Psychosen. In: Neuropsychiatrie 21 (3), 216 – 225

Schwartz, C.; Gidron, R. (2002): Parents of mentally ill adult children living at home: rewards of caregiving. In: Health and Social Work 27(2), 145 – 154

Sin, J.; Moone, N.; Harris, P.; Scully, E.; Wellman, N. (2012): Understanding the experiences and service needs of siblings of individuals with first-episode psychosis. A phenomenological study. In: Early Intervention in Psychiatry, 6(1), 53 – 59

Stålberg, G.; Ekerwald, H.; Hultman, C. M. (2004): At Issue: Siblings of patients with schizophrenia: sibling bond, coping patterns, and fear of possible schizophrenia heredity. In: Schizophrenia Bulletin 30 (2), 445 – 458

Taylor, J.L.; Greenberg, J.S.; Seltzer, M.M.; Floyd, F.J. (2008): Siblings of adults with mild intellectual deficits or mental illness: Differential life course outcomes. In: Journal of Family Psychology 22(6), 905 – 914

Titelman, D. (1991): Grief, guilt and identification in siblings of schizophrenic individuals. In: Bulletin of the Menninger Clinic 55 (1), 72 – 84

Leonore Julius und Reinhard Peukert (2020)

Der Artikel wurde veröffentlicht in Sozialpsychiatrische Informationen 3/2020

Zusammenfassung:

75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs und der Naziherrschaft könnte man den Eindruck gewinnen, es sei über alle damit verbundenen Folgen und Probleme gesprochen und geforscht worden. Aber stimmt das?

Oder gibt es noch immer schmerzliche Wahrheiten, die tabuisiert und deren mögliche Konsequenzen negiert oder ignoriert werden – auch oder gerade in Familien mit einer oder einem psychisch Erkrankten? Der Beitrag skizziert exemplarisch vier Familiengeschichten zum Umgang mit familiären Verstrickungen in die NS-Verbrechen und fragt nach der Funktion und den Folgen des familiären Verschweigens.

Familiengeschichte bzw. -trauma: Familie Eyrich

„Hedwig Eyrich, die die Abteilung Erb- und Rassenpflege in Stuttgart von April 1943 bis Juli 1944 leitet, entscheidet, welche Meldebögen an den Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden in die Reichshauptstadt Berlin weitergeleitet werden. Dort vermerken die Gutachter: blaues Minus für Leben, B für Beobachtung, rotes Kreuz für Tötung.“

„Mit all dem will Hedwig Eyrich nichts zu tun gehabt haben. So behauptet sie es zumindest in ihrem Brief an die Spruchkammer von 1948: ‚Rassenpolitik hat weder das Amt noch ich betrieben‘, schreibt sie. Rassenhygiene, also Eugenik, sei das gewesen, eine anerkannte Wissenschaft. Eyrich habe beraten und geholfen.“ (Zitate aus ‚Der Tagesspiegel‘ vom 08.05.2020)

Bereits vor dieser Zeit und auch später war sie Kinderbuchautorin und als solche nicht unbekannt. Sie war verheiratet mit dem überzeugten Rassehygieniker Max Eyrich, der nachgewiesenermaßen mehr als 800 Anträge auf Zwangssterilisation gestellt hatte. Von dieser Vergangenheit ihrer Schwiegereltern wusste Rosemarie Eyrich nichts, und ihr Mann Klaus hat in den fünfzig Jahren ihrer Ehe nie darüber gesprochen.

„Was genau Klaus Eyrich über seine Eltern wusste, können weder seine Frau noch sein Sohn sagen. Beide hatten bisher angenommen, dass Hedwig Eyrich während des Krieges nicht berufstätig war. Und über seinen Vater hatte Klaus Eyrich nur erzählt, dass er Kinder vor der Euthanasie gerettet hätte.“ Doch den Enkel treibt um, nicht bemerkt zu haben, „dass da etwas nicht stimmen kann“. „Dass sein Vater etwas wusste, ist wahrscheinlich. Als der Krieg endet, war Klaus Eyrich immerhin schon achtzehn Jahre alt und die meisten Bekannten seiner Eltern waren überzeugte Nazis.“ (Der Tagesspiegel, s. o.)

Rosemarie Eyrich sagt in dem Interview, sie sei froh, dass ihr Mann und Sohn dieser Eltern durch seinen Tod 2013 von der Aufarbeitung seiner Familienvergangenheit verschont worden sei, der sie und ihr Sohn sich heute stellen. Sie findet Argumente, warum in der Nachkriegszeit diese Ereignisse mit einem Schweigegebot belegt worden seien: Das Schweigen war funktional, das Leben in den 50ern wäre andernfalls unerträglich gewesen. Mit ihrer Schwägerin hat Rosemarie Eyrich gebrochen, da diese die Vergangenheit ihrer Eltern Hedwig und Max nicht zur Kenntnis nehmen will.

Familiengeschichte bzw. -Trauma: Familie X.[1]

Rosemarie Eyrich und ihr Sohn Christoph stellen sich der leidvollen Geschichte und gehen in die Öffentlichkeit. Diese eigene Familiengeschichte zur Kenntnis zu nehmen ist hart. Um wie viel schlimmer muss es aber sein, wenn man als Mutter und Vater eines psychisch erkrankten Kindes Kenntnis davon hat, dass einer der Großväter ein ausgewiesener NS-‚Euthanasie‘-Arzt war? Mit diesem Wissen muss Familie X. leben; die Eltern des erkrankten Kindes sind als sehr engagiertes Ehepaar in der Angehörigenbewegung bekannt.

Kann ein intensives Engagement bereits in der frühen Angehörigenbewegung darüber hinweghelfen, dass nach den Maßstäben dieses Großvaters der Enkel ‚kein Lebensrecht‘ gehabt hätte? Und was mag es in der Familie ausgelöst haben, in den 1990er-Jahren nach der Ausstrahlung eines Dokumentarfilms mit Nennung vieler ‚Euthanasie‘-Ärztinnen und -Ärzte (einschließlich deren Nachkriegskarrieren) von anderen Angehörigen auf die Namensgleichheit mit einem dieser Ärzte angesprochen zu werden und sagen zu müssen: ‚Das war mein Vater‘? Jedes weitere Gespräch erstarb.

Familiengeschichte bzw. -Trauma: Familie Y.

Die drei Söhne der Familie Y. wussten ebenfalls um die Nazi-Vergangenheit ihrer Eltern, wobei der Vater bis zu seinem Tode keine Abkehr bzw. Distanzierung zeigte, was immer wieder zu massiven Auseinandersetzungen der Kinder mit dem Vater führte.

Die Eltern erzählten ihren Söhnen, sie hätten sich als BDM-Mädchen und ‚schneidiger SS-Mann‘ kennen- und lieben gelernt und seien ohne eigenes Schuldigwerden durch den Krieg gekommen. Das ist aber nicht die wahre Geschichte. Diese eröffnete sich erst bei der Durchsicht des Nachlasses und einer durch die Funde ausgelösten Recherche in Unterlagen des Bundesarchivs: Der Vater war als junger Mann im Range eines Untersturmführers der SS Angehöriger des SD und Mitglied einer der Sondereinheiten, die hinter der Ostfront ‚für Ruhe und Ordnung‘ zu sorgen hatten, inklusive der Ermordung von Juden und Behinderten. Er wurde nach Kriegende für drei Jahre interniert; einige Angehörige seiner Sondereinheit wurden 1965 wegen der Beteiligung an Exekutionen angeklagt und verurteilt.

Die Nazi-Vergangenheit und die nie erfolgte Distanzierung wurde in den Psychosen des mit ca. 19 Jahren psychisch erkrankten ältesten Sohnes regelmäßig Thema; er hat dann unter Lebensgefahr Juden gerettet, er wurde selbst verfolgt – konnte aber auf eine ihn schützende Macht bauen; am fürchterlichsten war es für ihn, wenn in einer Psychose die so gerichteten Inhalte immer wieder grausam unterbrochen wurden und er sich selbst als Täter erleben musste.

Für die Nachkommen ist die Aufdeckung der Vergangenheit furchtbar, aber für den psychisch erkrankten Bruder wäre sie geradezu verheerend – wenn er nicht zu dem Schluss gekommen wäre, dass er sein Leben so nicht weiter ertragen könnte und es beendete.

Familiengeschichte bzw. -Trauma: Familie Z.

Während in der Familie Y. die verstörende Wahrheit nach Jahrzehnten ans Tageslicht kam, bleibt in Familie Z. die mögliche Verstrickung des Vaters in Kriegsverbrechen weiter im Nebel. Lediglich einige Fotografien des Vaters in Gestapo-Uniform liefern Hinweise, vereinzelte skurril wirkende und völlig unglaubhafte Bemerkungen über seine Tätigkeit in den besetzten Westgebieten – und im Übrigen die Verweigerung jeglicher Gespräche über ‚diese Zeit‘.

Kurz vor und nach Kriegsende wurden die beiden Kinder der Familie geboren, von denen noch eines am Leben ist und bis in die Gegenwart das Schweigen aufrechterhält, obgleich die (vermuteten) Taten des Vaters während des Krieges in den Psychosen des schwer erkrankten jüngeren Bruders eine zentrale Bedeutung hatten. Unter anderem entwickelte er einen mehrere Jahre währenden ‚Abstammungswahn‘, der ihm die vollständige Distanzierung von seiner ‚verbrecherischen Familie‘ ermöglichte und er sah sich ‚beauftragt‘, den Mann, den er als ‚Herrn Z.‘ bezeichnete, für seine Verbrechen mit dem Tod zu bestrafen, um dessen Opfern Genugtuung zu verschaffen – was er auch in die Tat umsetzte.

Nach mehrjähriger Psychotherapie in einer forensischen Klinik nahm er seine Erkrankung an, die ihm – nach eigenem Bekunden – ‚Erklärungen‘ lieferte für die Verhängnisse der Vergangenheit, die eigenen und die in den Psychosen durchlebten des Vaters.

Funktionales familiäres Schweigen und intergenerationelle Traumata

In allen vier Familien wurden (und werden) die Rollen und Taten der NS-Angehörigen einem Schweigegebot unterworfen, dessen Funktionalität leicht nachvollziehbar ist.

Das Schweigen einer Generation kann gravierende Folgen für die nachfolgende(n) ausüben, indem nicht ausgesprochenes und unverarbeitetes Erleben auf die Kinder übertragen wird. Die Studien zu den Nachkommen von Holocaust-Überlebenden sind die umfangreichsten und aussagefähigsten zum Thema intergenerationeller Übertragung von Erfahrungen und sie lassen erkennen, welche Folgen eine bestimmte familiendynamische Praktik – das funktionale familiäre Schweigen – auf die Nachkommen haben kann.

In Israel ist die transgenerationelle Weitergabe von Erfahrungen der Eltern auf die Kinder bereits seit den 1950er-Jahren ein nach wie vor stetig wachsender Forschungszweig und wird inzwischen über die ‚Second Generation‘ hinaus auch auf die dritte und vierte Generation erweitert (van der Kolk u. a. 1996; Kellermann 2013, S. 34). An anderer Stelle (Moore u. a. 2018) ist die Rede davon, dass das intergenerationelle Trauma erstmals 1966 in kanadischen Kliniken bei vielen Kindern des Holocaust beobachtet wurde.

In allen Studien zeigten sich schwere Störungen bei Kindern von Holocaust-Überlebenden, bis hin zur Intrusion der elterlichen Erlebnisse in die Träume der Kinder. In den Träumen wurde wiederbelebt, was die Eltern erleiden mussten – nicht obwohl die Eltern niemals mit ihnen darüber gesprochen hatten, sondern weil sie darüber geschwiegen hatten. Die Kinder hatten die unterdrückte und ungenügende Verarbeitung der elterlichen Holocaust-Traumata in sich aufgenommen, so als hätten sie das Unbewusste ihrer Eltern geerbt, inklusive deren Erfahrungen von Angst, Hoffnungslosigkeit, Verlust der Kontrolle über das eigene Leben und die Umstände ihres Lebens und deren Vernichtungserleben. Dies sei ein Zustand, in dem die Person den Eindruck habe, ihr Leben, ihre physische und ihre geistig-mentale Integrität zu verlieren (Nir 2018, S. 1, im Anschluss an Herman 2015, S. 34f.).

Heute gibt es zur transgenerationellen Übertragung eine umfassendere Studienlage, u. a. zu Nachkommen der Kriegsgenerationen und zu Kindern der Überlebenden von 9/11. Für mögliche Erklärungen in der langjährigen Debatte standen zunächst psychodynamische Modelle der intergenerationellen Übertragung im Vordergrund, es folgten soziokulturelle Modelle, dann der systemische Blick auf das Familiensystem und schließlich biologische bzw. genetische und epigenetische Modelle (Kellermann 2013, S. 34).

Der Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Peter Pogany-Wnendt ist ein Kind von Holocaust-Überlebenden. Er unterfüttert mit eigenen Erfahrungen seine Sicht, dass die intergenerationelle, möglicherweise epigenetische Übertragung die Folge eines selbst auferlegten Schweigegebots sei. Laut Pogany-Wnendt (2012) führt das schwere Erleben des Holocaust zum Abbruch bzw. der Verweigerung von Gesprächen in den Familien. Schweigen die Eltern über ihr schwer belastendes oder traumatisierendes Erleben, wird dieses Erleben in die Seelen der Kinder transplantiert, was sich u. a. in den Träumen der Kinder widerspiegelt.

Zunächst standen bei der Erforschung dieses Phänomens die Opferfamilien im Fokus, mit der Zeit kamen jedoch auch die Familien der Täter- und Mittäter in den Blick: Was für die Nachkommen der Opferfamilien zutrifft gilt auch für die Täter- und Mittäterfamilien.

Pogany-Wnendt sagt von sich, er habe erst in einem Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust (PAKH) die transgenerationellen Auswirkungen des Holocaust auf seine Entwicklung besser erfasst und verstanden. „Heute fühle ich mich besser in der Lage, mich vom Leid meiner Eltern abzugrenzen. (…) Dadurch kann ich (heute) meine selbstbestimmte Identität besser zum Zuge kommen lassen.“ Pogany-Wnendt fügt hinzu, er habe „in PAKH auch gelernt zu verstehen, welche schwere Last die Kinder der Täter und Mittäter tragen. PAKH ist vor allem eine Dialog-Gruppe“, in der Täter- und Opfer-Kinder miteinander sprechen (Pogany-Wnendt 2012).

Die herausragenden negativen Effekte, wenn über die belastenden Erfahrungen nicht gesprochen wird, sind bereits in den allerersten und dann in nahezu allen Studien zur transgenerationellen Übermittlung des Holocaust-Traumas angesprochen worden. Nahezu zeitgleich bildeten die inzwischen erwachsenen Kinder der zweiten Generation in den USA erste ‚Awareness Groups‘, denen in den 1970er- und 1980er-Jahren die Gründung regionaler Gruppen in den gesamten USA folgte. Mit anderen Worten: Pogany-Wnendt ist ‚ein typischer Fall‘.

Das gilt auch für sein wissenschaftliches Arbeiten, denn viele Kinder der Überlebenden haben ihren Blick über ihr individuelles Leiden hinaus gerichtet, indem sie „proactively commemorate the lives and way of life lost during the Holocaust“ (Shoah Resource Center 2019) in Form der Beteiligung an historischen Studien, in der Unterrichtung der Öffentlichkeit über den Holocaust und im Kampf gegen dessen Leugnung. Es drängt sich die Frage auf, ob auch in diesem Punkt eine Analogie zu den Kindern und Enkeln aus Täterfamilien gefunden werden könnte, würde man danach suchen. Bei den Angehörigen aus den obigen Familiengeschichten mit einem psychisch erkrankten Familienmitglied trifft dies jedenfalls zu: Die Nachkommen kennen sich aus der Angehörigenbewegung.

Gibt es weitere solcher Familiengeschichten? Ist die Zeit reif, sich ihrer zu versichern? Oder bleibt es bei einer ‚conspiracy of silence‘?

Ist es möglich, heute einen von Schweigen und/oder Umdeutungen unbefangenen Blick auf die Eltern- oder Großelterngeneration zu werfen, wenn sie in der NS-Zeit zu den Tätern gehörten, die an der Ermordung auch psychisch kranker Menschen beteiligt waren – insbesondere dann, wenn zu der Familie auch psychisch erkrankte Menschen gehören?

Oder ist es sogar geboten, gerade in Familien mit psychisch schwer belasteten oder erkrankten (älteren und jüngeren) Menschen das Schweigen zu brechen und die Umdeutungen zu korrigieren – mit der Chance, die unheilvolle Kette der Weitergabe von Belastungen und Traumatisierungen zu kappen?

Wie schwierig das sein kann, deutet Tikva Natan (1981) an; sie schreibt, bezogen auf Opferfamilien, was sinngemäß sicher auch auf Täterfamilien zutrifft: „(A) dominant characteristic of second-generation families is the ‚conspiracy of silence‘. (…) In many such families, there was an ‚unspoken agreement‘ not to discuss the traumatic events of the Holocaust, most often out of the desire to protect the children. Despite this, the children tended to perceive this silence as emotional distance, which affected the quality of the relationship between parents and children.“

Literatur

Bachmann, A.T. (2020): Die schmerzvolle Aufarbeitung der Kindermorde nach 75 Jahren. Website: Tagesspiegel vom 08.05.2020

Herman, J.L. (2015): Trauma and recovery: The aftermath of violence, from domestic abuse to political terror. New York: Basic Books

Kellermann, N.P. (2013): Epigenetic transmission of holocaust trauma: Can nightmares be inherited? In: The Israel Journal of Psychiatry and Related Sciences 50 (1), 33 – 39

Moore, S.; Angel, H.; Levine, J. (2018): Intergenerational transmission of trauma. 12th Annual Promising Practices Conference, Referat. Website: Tarzana Treatment Centers, Los Angeles

Natan, T. (1981): Second generation Holocaust survivors in psycho-social research. In: Dapim Leheker Tkufat Hashoa 2, 13 – 26

Nir, B. (2018): Transgenerational transmission of holocaust trauma and its expressions in literature. In: Genealogy 2 (4), 49

Pogany-Wnendt, P. (2012): Jüdisch sein zu müssen, ohne es wirklich sein zu können – Ein Identitätsdilemma im Lichte des Holocaust. In: Kaufhold, R.: Jüdische Identitäten in Deutschland nach dem Holocaust. Psychoanalyse, Texte zur Sozialforschung 16 (1), 64 – 81

Shoah Resource Center (2019): Survivors, second generation of children born after World War II. Website: Yad Vashem

van der Kolk, B.; McFarlane, A.C.; Weisaeth, L. (1996): Traumatic Stress: The effects of overwhelming experience on mind, body, and society. New York: Guilford Press

 

[1] Alle anonymisierten Familien sind der Autorin und dem Autor persönlich bekannt.

Autor und Autorin

Prof. Reinhard Peukert: em. Professor für Sozialmedizin und Sozialmanagement, langjähriger Vorsitzender des hessischen Angehörigenverbands, Vorstandsmitglied der Aktion Psychisch Kranke
Leonore Julius: Informatikerin, über 25 Jahre verschiedene Funktionen in der Angehörigenselbsthilfe, sechs Jahre Geschäftsführerin des BApK (Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen)

Die Erkrankung zeigt Wirkung: Ängste und Intrusionen, Schuld- und Schamgefühle

Exkurs: Schuldvorwürfe und empfundene Schuld

Was lehrt uns dieser Exkurs?

Wie bei allen in das Geschehen ‚psychische Erkrankung‘ Involvierten ist auch bei den Geschwistern eine hohe Sensibilität und Verletzlichkeit festzustellen, wenn es um die ‚Schuldfrage‘ geht.

  • Diese Ausführungen können eine Anregung geben, empfundene Schuldgefühle daraufhin abzu­klopfen, ob sie möglicherweise den eigenen, häufig ambivalenten Gefühlen geschuldet, und da­mit ‚objektiv gesehen‘ obsolet im Sinne von ‚unbegründet‘ sind. Wenn Geschwister das erken­nen, sind diese Gefühle durch Selbstversicherung bzw. Selbstreflexion reduzierbar, wenn nicht sogar vermeidbar. Gemeint sind beide Seiten: die Schuldgefühle in Bezug auf sich selbst sowie jene im Hinblick auf die Strukturen und Dynamiken in der Familie.
      
  • Darüber hinaus könnten die Überlegungen dabei helfen zu erkennen, wenn Äußerungen Dritter auf diese aus der eigenen Person heraus empfundenen Schuldgefühle und Ambivalenzen treffen; dann wird häufig die Neigung befördert, Schuldvorwürfe zu vermuten oder zu erahnen, ohne dass es dafür eine tatsächliche Grundlage gäbe.
      
  • Dem gegenüber sollten Geschwister mutiger werden. Es gibt keinen Grund, sich von tatsächlich und erkennbar erhobenen, in der Regel verkürzenden und pauschalisierenden Zuschreibungen irritieren und/oder verunsichern zu lassen. Ihnen kann und sollte selbstbewusst entgegen getre­ten werden, zumal diese Schuldzuweisungen die generelle Stigmatisierung aufgrund psychischer Erkrankungen zusätzlich verstärken.

Die Erkrankung zeigt Wirkung: Ängste und Intrusionen, Schuld- und Schamgefühle

Exkurs: Schuldvorwürfe und empfundene Schuld

Die Diversität des Schuldempfindens – je nach familiärer Rolle

Was bisher beschrieben wurde passt für die sogenannte Schuldfrage bei Eltern, bei Geschwistern und bei den erkrankten Schwestern und Brüdern gleichermaßen. Bei Geschwistern vermischt sich dies mit subjektivem Schulderleben völlig anderer Herkunft, nämlich der oben ausgeführten ‚Solidaritäts­schuld‘.

Dies sind Schuldgefühle, die bei den Geschwistern sozusagen aus sich selbst heraus entstehen, ohne dass irgendjemand ihnen diese zugewiesen hätte oder einen entsprechenden Vorwurf geäußert hät­te. Auch bei Eltern gibt es diesen Anteil aus sich selbst heraus entwickelter Schuldgefühle. Angesichts der Erkrankung oder Behinderung oder starker Verhaltensauffälligkeiten des eigenen Kindes taucht der schmerzliche Gedanke auf, möglicherweise als Eltern ‚nicht gut genug gewesen zu sein‘, wobei wohl insbesondere Mütter darunter leiden. Da ist es leicht nachzuvollziehen, wie sehr gerade Mütter geneigt sind, auf jede nur erdenkliche Anspielung auf Schuld zu reagieren und wie massiv sie unter jedem von außen kommenden Schuldvorwurf leiden.

Konträre Reaktionen sind dagegen bei Geschwistern festzustellen, wenn sie Schuldzuweisungen ge­genüber ihrer Familie wahrnehmen bzw. wahrzunehmen glauben. Während manche Geschwister diese zumindest partiell teilen und ggf. verstärken (z.B. Gerace u.a. 1993, Munkert und Peukert 2009a, Hauschild 2019) sehen andere sich veranlasst, ihre Familie gegen (vermutete) Anwürfe zu ver­teidigen und zu schützen (z.B. Titelman 1991, Huinink 2008, Peukert 2019b).

Beide Aspekte treffen genauso auf psychisch erkrankte Menschen zu. Wie bei Eltern und Geschwis­tern gibt es auch bei ihnen die aus sich selbst generierten Schuldgefühle, den eigenen und familiären Ansprüchen nicht zu genügen, Sorgen, Kummer und Enttäuschungen zu bereiten. Andererseits wer­den mit der – auch von Geschwistern – nicht selten gestellten Frage an die oder den Erkrankten ‚kann sie/er nicht oder will sie/er nicht?‘ Schuldvorwürfe thematisch (siehe z.B. Peukert und Julius 2019c).

Die Erkrankung zeigt Wirkung: Ängste und Intrusionen, Schuld- und Schamgefühle

Exkurs: Schuldvorwürfe und empfundene Schuld

Das Phänomen der ‚fälschlich verstandenen Schuldvorwürfe‘

Es gibt viel Literatur, die sich mit familiären Strukturen und Dynamiken befasst, denen eine wie auch immer geartete Mitwirkung am Erkrankungs- und/oder Wieder-Erkrankungsgeschehen bescheinigt wird, indem gesundheitsförderliches und gesundheitsabträgliches Verhalten identifiziert wird. Dabei geht es um die Entschlüsselung der Bedingtheit jedes Einzelnen in der Abfolge der Generationen in einer je spezifischen Umwelt. Damit ist gemeint:

Jeder Einzelne (also auch jedes Familienmitglied) bringt zu jedem Zeitpunkt aus seiner individuellen Geschichte etwas Spezifisches in die aktuellen sozialen Situationen ein; sein Verhalten ist in diesem Sinne immer auch ‚bedingt‘, es hat sich ‚unter bestimmten Bedingungen‘ etwas herausgebildet, was in der aktuellen Situation in seinem Denken, Fühlen und Handeln mitwirkt. Der Mensch ist daneben grundsätzlich in der Lage, sich in Auseinandersetzung und Reflexion (einem Teil) seiner Bedingtheiten gewahr zu werden und sich zu verändern; nur so sind wir Menschen unter unseren sich ständig ver­ändernden Lebensbedingungen zufriedenstellend lebensfähig.

Die Schwierigkeit bei der Debatte um Schuld ist diese Gleichzeitigkeit von Bedingtheit und der Mög­lichkeit, sich durch Weiterentwicklung (Lernen) Stück für Stück daraus zu befreien. Dabei darf nicht übersehen werden: Das ist ein oft langwieriger Prozess und nicht jeder hat die Möglichkeit dazu, wenn seine soziale Situation z.B. sehr begrenzend und/oder hoch belastet ist. Das Konzept von Schuld ist dazu geeignet, diese Dialektik von ‚Bedingtheit‘ und ‚Freiheit zur Weiterentwicklung‘ zu zerschlagen! Mit einer die Kompliziertheit drastisch reduzierenden Schuldzuweisung wird die Be­dingtheit der Person negiert und eine völlige sowie verpflichtende Befreiung aus der (historischen) Bedingtheit verabsolutiert. Gleichzeitig wird den in der sozialen Situation (der familiären Interaktion) stattfindenden Austauschprozessen eine Bedeutung zugeschrieben, die diese Prozesse ihres Prozess­charakters beraubt – so als würden z.B. kritische, im Bemühen um Erziehung motivierte Bemerkun­gen losgelöst aus einem fortlaufenden Bindungs- und Interaktionsgeschehen eine Wirkung entfalten können, die als Ursache für eine psychische Erkrankung herangezogen werden könnten – womit dann der Schuldvorwurf begründet wäre.

Um den ersten Gesichtspunkt (die Negation der historischen Bedingtheit) an einem drastischen Bei­spiel zu verdeutlichen:
Wer wollte einer Mutter, die als Kind sexuelle Gewalt erleben musste und ihr psychisches Überleben sicherte, indem sie ihre grauenhaften Gefühle unterdrückt (fachlich korrekt: dissoziierte, abspaltete) dafür schuldig sprechen, dass sie damit zugleich weniger feinfühlig ihren eigenen Kindern gegenüber wurde, was sich auf deren Psyche auswirkt? Darf man dieser Mutter eine Schuld geben, wenn sie nicht die Möglichkeit hatte, dieses Handicap etwa über eine Therapie oder in einer Ehe mit einem sehr zugewandten Partner abzulegen – Möglichkeiten, die andere Frauen nach sexuellen Übergriffen hatten?
Erinnert sei an W. Thomas Boyce, der sich mit der „problematischen und leicht explosiven Kombina­tion einer (seiner) verletzten Mutter und einer Orchideentochter“ auseinandersetzte und beklagte: „Die meisten von uns haben keine Möglichkeit, das Trauma, das uns quält, oder die Familienaltlasten, in die wir hineingeboren wurden, abzuwerfen.“ (Boyce 2019, S. 256f)

Wissen wir um die Belastungen unserer Eltern und Großeltern, die qua Bedingtheit ihres Verhaltens in gewissem Maße und irgendeiner Form an uns weitergegeben wurden?

Vielleicht kann auch eine Analogie dazu beitragen, faktische Schuld abzugrenzen von der empfunde­nen Schuld:

Wie bekannt, wird davon ausgegangen, dass das Risiko für eine psychische Erkrankung zu einem Teil in den Genen verankert sei, also erblich von den Eltern an das Kind weitergegeben wird, demnach eine (Mit-) Verursachung bei den Eltern liegen könne. Aber wird irgendjemand daraus eine ‚Schuld‘ ableiten? Wohl kaum. Dennoch empfinden manche (oder auch viele) Eltern eine Schuld daran, dass diese (ihre) Gene ggf. für die Erkrankung ihres Kindes (mit) ursächlich sein könnten.

Ähnliches gilt für das Verhalten, denn der Mensch ist ja nicht nur durch seine Gene definiert; sein Denken, Fühlen und Handeln hat sich unter bestimmten Bedingungen ausgeprägt. Dazu gehören ne­ben den jeweiligen Lebensbedingungen und -erfahrungen (im weitesten Sinne) auch generations­übergreifende Umstände. Um weniger günstige Prägungen durch Hinzulernen zu beeinflussen, be­darf es viel Zeit, vor allem aber zwei wesentlicher Voraussetzungen: 1. die Erkenntnis, dass bestimm­te Denk- und Verhaltensweisen sich negativ auf die familiären Strukturen auswirken und 2. die Mög­lichkeit, an einer Weiterentwicklung zu arbeiten – die wiederum von der aktuellen Lebenssituation in vielerlei Hinsicht beeinflusst wird.

Solange nicht beide Voraussetzungen gegeben sind, ist diese Prägung neben der Genetik als Teil der ‚personalen Ausstattung‘ zu betrachten – und auch so zu behandeln.

Die Erkrankung zeigt Wirkung: Ängste und Intrusionen, Schuld- und Schamgefühle

Exkurs: Schuldvorwürfe und empfundene Schuld

Die allgegenwärtige Frage nach ‚Schuld‘

Es wird kaum ein Zusammentreffen von mehreren Angehörigen von psychisch erkrankten Menschen geben, bei dem nicht früher oder später die ‚Schuldfrage‘ im Raum steht, Geschwister machen da keine Ausnahme.

Es ist eine große Belastung für alle Angehörigen, wenn Schuldvorwürfe von Familienmitgliedern und Bekannten ganz ausdrücklich erhoben werden oder aus Äußerungen der Mitarbeitenden im Sozial- und Gesundheitssystem herausgehört werden, wobei hier und da immer noch von subtilen Anspie­lungen ausgegangen werden muss.

Häufig wird von Dritten etwas gesagt, was bei Angehörigen unmittelbar eine Assoziation zu Schuld­gefühlen hervorruft, obwohl dies nicht beabsichtigt war – und dann wird das Gesagte schnell als Schuldvorwurf verstanden, obwohl ein anderer und zumeist komplizierterer Zusammenhang gemeint war.

So wurde und wird in Studien und in theoretischen Überlegungen zur Rolle der Familie bei psychi­schen Erkrankungen sehr wohl die Beteiligung der familiären Dynamik am Krankheitsgeschehen her­ausgestellt, aber nicht im Sinne einer primären Verursachung. Dies wird insbesondere von Angehöri­gen häufig so gelesen, als würde damit Schuld zugewiesen, was jedoch (zumindest in den letzten Jah­ren) ganz und gar nicht der Fall ist.

Es ist sinnvoll, das subjektive Erleben von Schuldgefühlen auseinander zu halten von faktischen Schuldvorwürfen seitens anderer Personen

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