Beiträge in: Wissen

Bearbeiteter Auszug aus dem Kapitel

"Geschwister im Kontext der Familie"

der noch unveröffentlichten Geschwister-Monographie

Reinhard Peukert (2020)

Ergänzung zum Bericht vom 2. bundesweiten Geschwistertreffen am 3. August 2019 in Wiesbaden

Beim 2. bundesweiten Geschwistertreffen am 3. August 2019 in Wiesbaden wurde die Frage von Schuldvorwürfen und empfundenen Schuldgefühlen kontrovers diskutiert. Reinhard Peukert nahm dies zum Anlass, den Geschwistern vorab einen Auszug aus seiner Monographie zu diesem Thema zur Verfügung zu stellen.

Kommentare und Meinungen sind sehr willkommen.

Bearbeiteter Auszug aus dem Kapitel

"Die Erkrankung der Schwester bzw. des Bruders zeigt lebensgeschichtliche Wirkung"

der noch unveröffentlichten Geschwister-Monographie

Reinhard Peukert (2020)

Anlage zum Bericht vom 2. bundesweiten Geschwistertreffen am 3. August 2019 in Wiesbaden

Ein Schwerpunktthema beim 2. bundesweiten Geschwistertreffen am 3. August 2019 in Wiesbaden war die Frage nach einem (möglichen) eigenen ererbten Risiko, psychisch zu erkranken. Reinhard Peukert nahm dies zum Anlass, den Geschwistern vorab einen Auszug aus seiner Monographie zu diesem Thema zur Verfügung zu stellen.

Leonore Julius, Reinhard Peukert (2020)

Bericht vom 2. bundesweiten Geschwistertreffen am 3. August 2019 in Wiesbaden

Mehr als 20 Geschwister waren zu dem überregionalen Treffen gekommen. In vertrauensvoller und von gegenseitigem Verstehen geprägter Atmosphäre konnten auch ‚heiße Eisen‘ besprochen werden: Strategien zum Umgang mit ambivalenten Gefühlen, die allgegenwärtige ‚Schuldfrage‘ und die für einige Teilnehmende sehr belastende Frage nach dem Vererbungsrisiko von psychischen Erkrankungen.

Trotz der schweren Themen fand auch Heiterkeit ihren Platz – und das Gefühl, nicht allein zu sein mit den Sorgen und der Hilflosigkeit und manchmal auch der Verzweiflung.

Leonore Julius, Henny Hansen, Claudia Wetterhahn (2019)

Bericht vom Eltern-Geschwister-Seminar am 28. Oktober 2019 in Hamburg

Nach einem Impulsreferat fanden sich Eltern und Geschwister von psychisch erkrankten Menschen in getrennten Gesprächsgruppen zusammen, um anschließend die erarbeiteten Schwerpunkte ihrer jeweiligen Sichten in einer gemeinsamen Gesprächsrunde zu diskutieren.

Neben vielen Überschneidungen wurden auch unterschiedliche Wahrnehmungen in den Bedürfnissen der jeweils anderen Gruppe deutlich sichtbar und in einer sehr offenen und konstruktiven Atmosphäre angesprochen.

Die Teilnehmenden – je zur Hälfte Eltern und Geschwister – äußerten am Ende des intensiven Tages mehrheitlich den Wunsch, den Dialog fortzusetzen.

Christiane Pohl (2019)

Impulsreferat beim Eltern-Geschwister-Seminar am 26. Oktober 2019 in Hamburg

Christiane Pohl gibt Einblicke in die Arbeitsweise ihrer ‚Philosophischen Beratungspraxis‘, in der gelegentlich auch Geschwister psychisch erkrankter Menschen Rat und Hilfe suchen.

An Beispielen zeigt sie auf, dass die Fragestellungen dieser Geschwister sich nicht unterscheiden von denen, die wir aus Geschwistertreffen und Interviews kennen. Sie versucht gemeinsam mit diesen Geschwistern eine Annäherung an mögliche Antworten aus philosophischer Sicht.

Eine Geschichte von Liebe und Ohnmacht

Tina Bühler-Stehlé (2005)

Paranus Verlag

Rezension von Sibylle Prins in „Soziale Psychiatrie“:

Mutiger Erfahrungsbericht über zerstörerische Familie

Dieses Buch packt einen bereits auf den ersten Seiten. Dabei habe ich das normalerweise gar nicht gern, wenn der Ausgang einer erzählten Geschichte bereits zu Anfang vorweggenommen wird. Hier ist es hilfreich, zum Verständnis, auch, um die nun folgende Lektüre fortzusetzen, die nicht gerade „leichte Kost“ ist. Die Autorin berichtet von einem Familienhorror, der seinesgleichen sucht. Opfer dieses Szenarios ist für sie in allererster Linie ihr zwei Jahre älterer Bruder Swen, der nach jahrzehntelanger Isolation in grenzenloser Verwahrlosung in der Psychiatrie landet. –

„Um wahrgenommen zu werden, musste wohl oder übel einer von uns verrückt werden“ (S.77)

Als Leser/in dieses erschütternden Erfahrungsberichtes kann man sich kaum entscheiden, wer von den beiden Geschwistern das schwerere Leid zu ertragen hatte. Bühler-Stehlé schildert zunächst in kurzen Abschnitten, die als eine Art Briefe an den Bruder gerichtet sind, ihre gemeinsame Kindheit und Jugend. Anfangs ist der Bruder ihr geliebter Gefährte und bester Freund, ihr Vertrauter, Beschützer. Innerhalb sehr kurzer Zeit ändert sich das alles: der Bruder wird zu einem grausamen, unleidlichen Tyrannen, der seine ganze Familie, insbesondere aber die jüngere Schwester bis ins Letzte kontrolliert und zu bestimmen versucht. Alles kommt in dieser Familie vor: Gewalt, Vernachlässigung, sexueller, seelischer und sozialer Missbrauch. Dabei werden keineswegs die in manchen Kontexten hierüber üblichen Klischees bedient, sondern es werden zum Teil „unerwartete Wahrheiten“ sichtbar gemacht – erschreckend, und doch erleichternd, denn wann werden solche Geschichten erzählt? In späteren Jahren vegetiert der Bruder ohne irgendwelche Kontakte zur Außenwelt dahin. Alle Versuche der Schwester, zu ihm zu gelangen, etwas für ihn zu tun, scheitern. Bis dann die Ereignisse den Weg freimachen für – für eine Aufnahme des Bruders in die Psychiatrie.

Das Buch rührt auch an „Familienthemen“, die man aus weniger schrecklichen (?) Familien kennt: nach außen hin muss alles einen guten Eindruck machen, wie es intern zugeht, geht niemanden etwas an. Im Umgang mit der Außenwelt geben sich die Familienmitglieder auch ganz anders als untereinander. Über bestimmte, ja über die bestimmenden Themen darf nicht, um keinen Preis, gesprochen werden. Schon gar nicht mit Außenstehenden. Ein Mitglied wird von den anderen verraten, daraufhin aber selbst von der Familie als Verräter/in bezeichnet. Einer oder eine bestimmt, was wirklich ist, was die Wahrheit der Familie und der Welt ist. Da darf man sich hier und da auch in der eigenen, ganz anderen Biografie und Familiengeschichte berührt fühlen.

Welchen Sinn macht es, solch ein Buch zu lesen? Ist es mehr als bloß ein voyeuristischer Blick auf das, was sich hinter gut- bzw. großbürgerlichen Gardinen abspielen kann? Auf jeden Fall: Beim Lesen hat man manchmal das Gefühl, man möchte in die geschilderten Situationen eingreifen, dem Schrecken endlich ein Ende bereiten. Den in der Realität anwesenden Personen ging das, wie oben geschildert, offenbar nicht so. Wieso ist das so? Handelt vielleicht jede/r von uns in seinem Bereich, auf seine Weise genauso? Ferner: Schreckensgeschichten verlegen wir gern anderswohin – in ferne Länder, in andere Zeiten. Dass solche Dinge auch zu unserer hiesigen Wirklichkeit gehören, wollen wir nicht gern wissen. Sollten wir aber. Und schließlich: nicht an der Geschichte von Swen und seiner Schwester, wohl aber an der Gestaltung einer Welt, in der solche Lebensgeschichten möglich sind, sind wir alle beteiligt. Ein Buch für Leser/innen, denen man auch einmal etwas zumuten darf.

Information, Ideas and Resources

Sharon Mulder, Elizabeth Lines (2005)

Canadian Mental Health Association (CMHA)

Eine der ersten Ratgeber-Broschüren für Geschwister. Aus dem Inhalt:

  • Facing the Unknown: Understanding Psychosis
  • Facing Change: Impacts on the Family
  • Facing Feelings: An Ongoing Process
  • Facing the Future: Moving Forward
  • Still Wondering …

Reinhard Peukert, Leonore Julius (2019)

Bericht vom Eltern-Geschwister-Seminar am 27. Juli 2019 in Mainz

Die Fragestellung des Treffens war in der Einleitung klar umrissen:

  • Wie geht es weiter, wenn wir Eltern nicht mehr sind?
  • Was dürfen wir unseren gesunden Kindern zumuten?
  • Sind Geschwister nach dem Tod der Eltern verantwortlich für ihren erkrankten Bruder/Schwester?

Und am Ende der ganztägigen intensiven Beschäftigung mit den Fragen, die um diese Kernfragen kreisten, stand eine Erkenntnis unwidersprochen im Raum:

An dem Versuch, sich mit allen Beteiligten auf deren Anteile an Sorge, Unterstützung und direkter Hilfeerbringung zu verständigen führt kein Weg vorbei. Diese Klärung sollte so früh als möglich beginnen, denn es ist voraussichtlich ein längerer und häufig konfliktreicher Prozess.

Reinhard Peukert (2019)

Der Artikel wurde veröffentlicht in der Psychosozialen Umschau 4/2019

Mitglieder des GeschwisterNetzwerks haben auf Einladung des Mainzer Angehörigenvereins Territorio ein Tagesseminar zum Thema „Wie geht es weiter, wenn wir Eltern nicht mehr sind?“ gestaltet, und eine Woche später ein Geschwistertreffen in Wiesbaden durchgeführt, ohne thematische Vorgaben.

Ein nur auf den ersten Blick überraschendes Ergebnis: In beiden Veranstaltungen wurden die gleichen Probleme formuliert bei deutlich unterschiedlichen, der jeweiligen familiären Rolle geschuldeten Erfahrungen.

Marin Sardy in The New Yorker (20.05.2019)

Die Autorin, bereits in ihrer Kindheit mit der psychischen Erkrankung ihrer Mutter konfrontiert, beschreibt sehr bewegend das Abgleiten ihres Bruder in die Obdachlosigkeit und Verwahrlosung, die vergeblichen Versuche der Familie, ihn aufzufangen, und die Versuche, sich abzugrenzen, das Bemühen und das Scheitern des professionellen Hilfesystems – und seinen Suizid zu einem unerwarteten Zeitpunkt. Sie schreibt:

When you go hunting for advice on helping a mentally ill loved one, much of what you find focusses on education: learn as much as you can about mental illness, ask questions, and find a supportive community. In our family, we did all of this, and more—we took classes, consulted experts, conferred with lawyers, and met with people with schizophrenia who had rebuilt their lives. But applying what we learned was rarely simple. Though our efforts often helped us enormously, they did not, in the end, do much for Tom. I wonder, still, what could have saved him. The right kind of therapy early on, perhaps—someone to help him talk through his experiences and come to terms with them. And, later, public programs to enable him, and others with schizophrenia, to participate in society rather than be pushed to its fringes.

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