Beiträge in: Wissen

Information, Ideas and Resources

Sharon Mulder, Elizabeth Lines (2005)

Canadian Mental Health Association (CMHA)

Eine der ersten Ratgeber-Broschüren für Geschwister. Aus dem Inhalt:

  • Facing the Unknown: Understanding Psychosis
  • Facing Change: Impacts on the Family
  • Facing Feelings: An Ongoing Process
  • Facing the Future: Moving Forward
  • Still Wondering …

Reinhard Peukert, Leonore Julius (2019)

Bericht vom Eltern-Geschwister-Seminar am 27. Juli 2019 in Mainz

Die Fragestellung des Treffens war in der Einleitung klar umrissen:

  • Wie geht es weiter, wenn wir Eltern nicht mehr sind?
  • Was dürfen wir unseren gesunden Kindern zumuten?
  • Sind Geschwister nach dem Tod der Eltern verantwortlich für ihren erkrankten Bruder/Schwester?

Und am Ende der ganztägigen intensiven Beschäftigung mit den Fragen, die um diese Kernfragen kreisten, stand eine Erkenntnis unwidersprochen im Raum:

An dem Versuch, sich mit allen Beteiligten auf deren Anteile an Sorge, Unterstützung und direkter Hilfeerbringung zu verständigen führt kein Weg vorbei. Diese Klärung sollte so früh als möglich beginnen, denn es ist voraussichtlich ein längerer und häufig konfliktreicher Prozess.

Reinhard Peukert (2019)

Der Artikel wird veröffentlicht in der Psychosozialen Umschau 4/2019

Mitglieder des GeschwisterNetzwerks haben auf Einladung des Mainzer Angehörigenvereins Territorio ein Tagesseminar zum Thema „Wie geht es weiter, wenn wir Eltern nicht mehr sind?“ gestaltet, und eine Woche später ein Geschwistertreffen in Wiesbaden durchgeführt, ohne thematische Vorgaben.

Ein nur auf den ersten Blick überraschendes Ergebnis: In beiden Veranstaltungen wurden die gleichen Probleme formuliert bei deutlich unterschiedlichen, der jeweiligen familiären Rolle geschuldeten Erfahrungen.

Manfred Ziepert

Vortrag bei der Veranstaltung „20 Jahre Selbsthilfegruppe für Angehörige von psychisch kranken Menschen in Mainz“ am 16. Mai 2006

Viele, vielleicht die meisten Schwestern und Brüder mit einem erkrankten Geschwister erleben und durchleben diese Gefühle früher oder später. Dr. Ziepert zeigt, warum es so wichtig ist, diese Gefühle zuzulassen und dass sie, wenn wir richtig damit umgehen, Kraft geben, um uns vor Bitterkeit und Resignation zu schützen.

Auszug:

Vielleicht hat mancher bei diesem Thema gedacht: „Wieso gerade Trauer und Zorn? Soll das erstrebenswert sein? Gelungenes Leben – darunter verstehe ich Freude, Glück, Harmonie, Erfolg, Hoffnung, Sinnerfüllung. Dafür lebe ich doch – dass mir das im Leben wenigstens ein bisschen gelingt.“
Genauso sehe ich das auch. Es wird in meinem Vortrag um alles gehen, was das Leben lebenswerter macht. Weshalb nun dieses Thema? Trauer und Zorn – genau dies erleben wir, wenn das Leben gerade nicht gelingen will. Aber: Trauer und Zorn sind ganz wichtige Triebkräfte, die uns helfen können, wieder zu einem lebenswerten Leben zurückzufinden. Das heißt: sie sind nicht unser eigentliches Lebensziel, aber wir brauchen sie von Zeit zu Zeit, um das Ziel erreichen zu können. Deshalb: Trauer und Zorn sind lebensstiftende Kräfte – zumindest können sie es sein, wenn wir sie als Chance begreifen und wenn wir es schaffen, diese Chance zu nutzen. Wir dürfen auf der einen Seite nicht zulassen, dass Trauer und Zorn unser eigentlicher Lebensinhalt werden – was leider viel zu oft passiert. Andererseits dürfen wir sie nicht vermeiden, sondern wir müssen lernen, etwas damit anzufangen.

Manfred Ziepert

Vortrag; gehalten bei der Jahrestagung des Landesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in Rheinland-Pfalz im November 1999

Fast alle Angehörigen verspüren diese Ambivalenz; auch bei allen Treffen von Geschwistern und in unserem Forum spielt sie immer wieder eine Rolle. Dr. Ziepert legt dar: „Liebe und Abgrenzung – ein Widerspruch? Nein, im Gegenteil.“ Und er geht auf die Gefühle ein, die eine Abgrenzung behindern: Ohnmacht und Hilflosigkeit, Schuldgefühle, vermiedene Trauer und unterdrückter Zorn.

Marin Sardy in The New Yorker (20.05.2019)

Die Autorin, bereits in ihrer Kindheit mit der psychischen Erkrankung ihrer Mutter konfrontiert, beschreibt sehr bewegend das Abgleiten ihres Bruder in die Obdachlosigkeit und Verwahrlosung, die vergeblichen Versuche der Familie, ihn aufzufangen, und die Versuche, sich abzugrenzen, das Bemühen und das Scheitern des professionellen Hilfesystems – und seinen Suizid zu einem unerwarteten Zeitpunkt. Sie schreibt:

When you go hunting for advice on helping a mentally ill loved one, much of what you find focusses on education: learn as much as you can about mental illness, ask questions, and find a supportive community. In our family, we did all of this, and more—we took classes, consulted experts, conferred with lawyers, and met with people with schizophrenia who had rebuilt their lives. But applying what we learned was rarely simple. Though our efforts often helped us enormously, they did not, in the end, do much for Tom. I wonder, still, what could have saved him. The right kind of therapy early on, perhaps—someone to help him talk through his experiences and come to terms with them. And, later, public programs to enable him, and others with schizophrenia, to participate in society rather than be pushed to its fringes.

Warum Menschen so unterschiedlich sind und wie sich alle gut entwickeln können

W. Thomas Boyce (2019)

Droemer Verlag

Deutsche Ausgabe: März 2019

Verlagstext (Auszug):

Ein psychologisches Sachbuch über das Thema, warum wir Menschen uns unterschiedlich entwickeln. Menschen sind rätselhaft: Während der eine wie eine Orchidee feinfühlig auf alle Widrigkeiten reagiert, ist der andere robust und kommt problemlos wie ein Löwenzahn mit allen Herausforderungen zurecht.
Der international renommierte Kinder-Psychologe W. Thomas Boyce hat dieses Phänomen jahrzehntelang untersucht. Seine weltweit anerkannte Forschung zeigt, dass das Zusammenspiel von genetischen Voraussetzungen und Umwelteinflüssen darüber entscheidet, wie Menschen mit den Anforderungen ihrer Umwelt fertig werden und Stress verarbeiten.

Auszug aus Kapitel 1 – Eine Geschichte von zwei Kindern :

Dies ist die Geschichte einer Erlösung: eine Geschichte von Kindern, die sich wie Orchideen und Löwenzähne enorm darin unterscheiden, wie empfindsam sie auf Umweltbedingungen reagieren; eine Geschichte, die sich allmählich, aber kontinuierlich aus 25 Jahren Labor- und Feldforschung entwickelte; eine Geschichte, in die der Autor sehr involviert ist, sowohl wissenschaftlich als einer der Forscher, aus deren Arbeit sie stammt, als auch persönlich als eines der Kinder, für das sie lange, bevor es überhaupt eine „Geschichte“ gab, die man hätte erzählen können, schmerzlich und unausweichlich zur Realität wurde.

Sabine Bojanowski (2016)

Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Philosophie (Dr. phil.) eingereicht bei der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam

Auszüge aus Kapitel 8 (Gesamtdiskussion und Limitationen):

… Die Zielstellung der vorliegenden Arbeit war daher die umfassende Analyse von Geschwisterbeziehungen sowie die Entwicklung eines geeigneten Instrumentes zur Erfassung der Qualität von Geschwisterbeziehungen im Kindes- und Jugendalter. …

… In dieser Studie wurde bei den Kindern mit psychischen Störungen jeweils nur eine Sicht auf die Beziehungsqualität betrachtet: die Sicht des kranken Kindes. Demnach fehlen Einschätzungen der gesunden Geschwister und wie diese die Beziehung zu ihrem kranken Geschwister wahrnehmen. Auch wurde bei Kindern mit mehreren Geschwistern nur eine Geschwisterbeziehung erfragt. …

… Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Geschwister sowohl Chancen wie Risiken bedeuten. Wenn das Positive überwiegt, kann eine wertvolle, häufig lebenslange emotionale wie kognitive Ressource für alle Beteiligten entstehen. Vor dem Hintergrund der tiefgreifenden Bedeutung der Geschwisterbeziehung für das gesamte Leben und dem Einfluss dieser auf das psychische Wohlbefinden, sollten Geschwisterbeziehungen unbedingt Bestandteil der Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen sein. Es zeigte sich, dass eine Geschwisterbeziehung u.a. als Ressourcenpotential bei Kindern und Jugendlichen verstanden werden kann. Besonders im Hinblick auf die Unterscheidung einer positiven bzw. negativen Geschwisterbeziehung, kann dies für die Beratung und Psychotherapie genutzt werden. Die Geschwister sollten, ebenso wie die Eltern, in den Genesungsprozess mit einbezogen werden. Vor allem, wenn zwischen den Geschwistern eine konflikthafte Beziehung besteht. …

Das Leben als Bruder oder Schwester psychisch Erkrankter

Rezension von Reinhard Peukert

veröffentlicht in Psychosoziale Umschau 2/2019, S. 53

Klartext mit Gefühl und Respekt

Kein Leser wird sich der eindringlichen Präsenz des Textes entziehen können, die nicht zuletzt auf drei Expertisen der Autorin beruht: Jana Hauschild ist die Schwester von Sven, der an einer Borderline Persönlichkeitsstörung leidet, sie hat Psychologie studiert und ist heute eine gut beschäftigte Journalistin.
Diese drei Expertisen verbinden sich mit hoher Sachkenntnis und beeindruckender literarischer Kunstfertigkeit zu einem Buch, das für viele Lesergruppen ein gut zu rezipierender Gewinn sein wird – für die Geschwister, für deren Eltern, für weitere Familienangehörige, aber auch für professionelle Helfer. Selbst die psychisch erkrankten Geschwister werden von den Selbstäußerungen der vielen vorgestellten Geschwister profitieren, denn die Autorin redet zwar Klartext, aber niemals ohne einfühlsame Achtung jenen gegenüber, die als Geschwister oder Eltern am Leid der zu Wort-Kommenden direkt oder indirekt beteiligt sind.

Jana Hauschild hat mit vielen Geschwistern gesprochen, sie hat Geschwistergruppen besucht, die – spärliche – Literatur zu Geschwistern psychisch erkrankter Menschen studiert und sie hat die Selbstäußerungen von Geschwistern im Forum des GeschwisterNetzwerks verfolgt. Sie lässt den Leser auch teilhaben an ihrem eigenen Erleben. Sie offenbart uns ihre Gefühle der ungebrochenen Zuneigung, der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, der tiefen Enttäuschung und der Angst um ihren innig geliebten Bruder, der ihren eigenen Lebensweg erkennbar beeinflusst.

Dieses Erleben verbindet sie mit ihren Gesprächspartnerinnen und -partnern. Wenn sie über deren Leben berichtet merken wir: da war keine Interviewerin am Werk, die einem Leitfaden folgt; es treffen zwei Menschen aufeinander, die von Beginn an eine Gemeinsamkeit spüren – auch wenn die Lebenswege aller Beteiligten sehr unterschiedlich ausfallen.
In der plastischen Beschreibung dieser Lebenswege, der familiären Situationen sowie der tiefen gefühlsmäßigen Ambivalenzen, die fast jede Lebensäußerung und fast jede Entscheidungen der Geschwister so schwierig gemacht haben und noch machen erreicht Jana Hauschild ihr selbst gestecktes Ziel: „Unsere Geschichten sollen ein  großes Bild erzeugen, kein vollendetes, aber eines, das deutlich macht: Hier sind Menschen, die sich mehr Rückhalt, mehr Aufmerksamkeit oder mehr Unterstützung wünschen  – und diese mitunter dringend brauchen.“ (S. 23)

Neben lange zurückliegenden, im Seelenleben nach wie vor aktiven Erlebniswelten nehmen wir teil an den aktuellen Lebensumständen der Geschwister. Diese konnten für die Gespräche zwischen privaten Räumen oder einem öffentlichen Treff wählen. Die jeweilige Wahl, die zum Teil minutiöse Beschreibung des Ortes sowie weiterer Rahmenbedingungen des Gesprächs ergänzen die gesprochenen Worte zu einer geradezu physischen Präsenz der Geschwister.
Nur beiläufig sei angemerkt: Damit löst die Autorin zugleich einen Qualitätsstandard für narrative Interviews ein, nämlich bei allen Überlegungen auch die Aussagefähigkeit der räumlichen Kontexte zu beachten.

Sie findet eindringlich-prägnante Bilder für z.B. spannungsreiche, konfliktgeladene und/oder von Trauer, von Hilflosigkeit und/oder von Liebe und Nähe-Bedürfnis bei gleichzeitigem Bemühen um Abstand geprägte Gefühlsturbulenzen, die häufig zu einem beliebigen Zeitpunkt zugleich auftreten und die ganze Lebensabschnitte prägen können.  Andere Autoren (der Rezensent schließt sich hier mit ein) müssten viele beschreibende Worte verlieren, ohne diese Intensität je zu erreichen.

Solche Bilder hier zu zitieren würde sie aus ihrem Rahmen reißen. Einen Eindruck davon vermitteln Metaphern wie z.B. die vom „zerstörerischen Einschlag des Schicksals“, von der „Wucht, die ein Beben in Gang setzt“, von „mitunter zersplitterten Biographien“, von den „mal schwereren, mal leichteren Päckchen“, die manche „mit einiger Entfernung hinter sich her schleifen; andere halten sie fest an sich gedrückt.“ Sie spricht von der „einseitigen Seelsorgeleitung“, die die geschwisterliche Kommunikation auszeichnet und dem „blinden Fleck“ der Eltern und Profis.

Das Buch endet mit hilfreichen Hilfen für Geschwister. Dafür greift Jana Hauschild neben eigenen Überlegungen sowie die Erfahrungen aus Geschwistergruppen  auch auf englischsprachige Beratungsliteratur zurück. Viele Geschwister werden es ihr danken.

Ein sehr empfehlenswertes und gut lesbares Buch – für einen breiten Leserkreis.

Reinhard Peukert und Gagi K. (2019)

Auszugsweiser Bericht vom Workshop des GeschwisterNetzwerks beim APK-Selbsthilfetag am 05.11.2018 in Berlin; der vollständige Bericht wir im APK-Band 45 erscheinen.

An dem Symposium nahmen neben Geschwistern von psychisch erkrankten Menschen auch einige erkrankte Geschwister sowie Mitarbeitende in psychiatrischen Einrichtungen teil. So konnte ein lebendiger Trialog entstehen, der sich um einige Kernfragen der gesunden Geschwister, aber nicht nur von ihnen, drehte:

  • Das (beidseitige) Leid, den Kontakt zwischen den Geschwistern zu verlieren;
  • Nähe und Distanz: Eine schwierige Entscheidung, oder ein lebenslanger Regulationsprozess?
  • Die Gefühle der Schwestern und Brüder zu ihren erkrankten Geschwistern – von Natur aus widersprüchlich bzw. ambivalent;
  • Besondere Belastungen und besondere Lebenschancen gesunder Geschwister;
  • Die Rolle der „schwachen starken“ Schwester

Besonders eindrucksvoll schildert Gagi K., wie sie diese Rolle erlebt hat und ihren Weg gefunden hat, sich zu arrangieren.

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