Das Leben als Bruder oder Schwester psychisch Erkrankter

Rezension von Reinhard Peukert

veröffentlicht in Psychosoziale Umschau 2/2019, S. 53

Klartext mit Gefühl und Respekt

Kein Leser wird sich der eindringlichen Präsenz des Textes entziehen können, die nicht zuletzt auf drei Expertisen der Autorin beruht: Jana Hauschild ist die Schwester von Sven, der an einer Borderline Persönlichkeitsstörung leidet, sie hat Psychologie studiert und ist heute eine gut beschäftigte Journalistin.
Diese drei Expertisen verbinden sich mit hoher Sachkenntnis und beeindruckender literarischer Kunstfertigkeit zu einem Buch, das für viele Lesergruppen ein gut zu rezipierender Gewinn sein wird – für die Geschwister, für deren Eltern, für weitere Familienangehörige, aber auch für professionelle Helfer. Selbst die psychisch erkrankten Geschwister werden von den Selbstäußerungen der vielen vorgestellten Geschwister profitieren, denn die Autorin redet zwar Klartext, aber niemals ohne einfühlsame Achtung jenen gegenüber, die als Geschwister oder Eltern am Leid der zu Wort-Kommenden direkt oder indirekt beteiligt sind.

Jana Hauschild hat mit vielen Geschwistern gesprochen, sie hat Geschwistergruppen besucht, die – spärliche – Literatur zu Geschwistern psychisch erkrankter Menschen studiert und sie hat die Selbstäußerungen von Geschwistern im Forum des GeschwisterNetzwerks verfolgt. Sie lässt den Leser auch teilhaben an ihrem eigenen Erleben. Sie offenbart uns ihre Gefühle der ungebrochenen Zuneigung, der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, der tiefen Enttäuschung und der Angst um ihren innig geliebten Bruder, der ihren eigenen Lebensweg erkennbar beeinflusst.

Dieses Erleben verbindet sie mit ihren Gesprächspartnerinnen und -partnern. Wenn sie über deren Leben berichtet merken wir: da war keine Interviewerin am Werk, die einem Leitfaden folgt; es treffen zwei Menschen aufeinander, die von Beginn an eine Gemeinsamkeit spüren – auch wenn die Lebenswege aller Beteiligten sehr unterschiedlich ausfallen.
In der plastischen Beschreibung dieser Lebenswege, der familiären Situationen sowie der tiefen gefühlsmäßigen Ambivalenzen, die fast jede Lebensäußerung und fast jede Entscheidungen der Geschwister so schwierig gemacht haben und noch machen erreicht Jana Hauschild ihr selbst gestecktes Ziel: „Unsere Geschichten sollen ein  großes Bild erzeugen, kein vollendetes, aber eines, das deutlich macht: Hier sind Menschen, die sich mehr Rückhalt, mehr Aufmerksamkeit oder mehr Unterstützung wünschen  – und diese mitunter dringend brauchen.“ (S. 23)

Neben lange zurückliegenden, im Seelenleben nach wie vor aktiven Erlebniswelten nehmen wir teil an den aktuellen Lebensumständen der Geschwister. Diese konnten für die Gespräche zwischen privaten Räumen oder einem öffentlichen Treff wählen. Die jeweilige Wahl, die zum Teil minutiöse Beschreibung des Ortes sowie weiterer Rahmenbedingungen des Gesprächs ergänzen die gesprochenen Worte zu einer geradezu physischen Präsenz der Geschwister.
Nur beiläufig sei angemerkt: Damit löst die Autorin zugleich einen Qualitätsstandard für narrative Interviews ein, nämlich bei allen Überlegungen auch die Aussagefähigkeit der räumlichen Kontexte zu beachten.

Sie findet eindringlich-prägnante Bilder für z.B. spannungsreiche, konfliktgeladene und/oder von Trauer, von Hilflosigkeit und/oder von Liebe und Nähe-Bedürfnis bei gleichzeitigem Bemühen um Abstand geprägte Gefühlsturbulenzen, die häufig zu einem beliebigen Zeitpunkt zugleich auftreten und die ganze Lebensabschnitte prägen können.  Andere Autoren (der Rezensent schließt sich hier mit ein) müssten viele beschreibende Worte verlieren, ohne diese Intensität je zu erreichen.

Solche Bilder hier zu zitieren würde sie aus ihrem Rahmen reißen. Einen Eindruck davon vermitteln Metaphern wie z.B. die vom „zerstörerischen Einschlag des Schicksals“, von der „Wucht, die ein Beben in Gang setzt“, von „mitunter zersplitterten Biographien“, von den „mal schwereren, mal leichteren Päckchen“, die manche „mit einiger Entfernung hinter sich her schleifen; andere halten sie fest an sich gedrückt.“ Sie spricht von der „einseitigen Seelsorgeleitung“, die die geschwisterliche Kommunikation auszeichnet und dem „blinden Fleck“ der Eltern und Profis.

Das Buch endet mit hilfreichen Hilfen für Geschwister. Dafür greift Jana Hauschild neben eigenen Überlegungen sowie die Erfahrungen aus Geschwistergruppen  auch auf englischsprachige Beratungsliteratur zurück. Viele Geschwister werden es ihr danken.

Ein sehr empfehlenswertes und gut lesbares Buch – für einen breiten Leserkreis.

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