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Reinhard Peukert (2019)

Der Artikel wurde veröffentlicht in der Psychosozialen Umschau 4/2019

Mitglieder des GeschwisterNetzwerks haben auf Einladung des Mainzer Angehörigenvereins Territorio ein Tagesseminar zum Thema „Wie geht es weiter, wenn wir Eltern nicht mehr sind?“ gestaltet, und eine Woche später ein Geschwistertreffen in Wiesbaden durchgeführt, ohne thematische Vorgaben.

Ein nur auf den ersten Blick überraschendes Ergebnis: In beiden Veranstaltungen wurden die gleichen Probleme formuliert bei deutlich unterschiedlichen, der jeweiligen familiären Rolle geschuldeten Erfahrungen.

Reinhard Peukert und Gagi K. (2019)

Auszugsweiser Bericht vom Workshop des GeschwisterNetzwerks beim APK-Selbsthilfetag am 05.11.2018 in Berlin; der vollständige Bericht ist im APK-Band 45 erscheinen.

An dem Symposium nahmen neben Geschwistern von psychisch erkrankten Menschen auch einige erkrankte Geschwister sowie Mitarbeitende in psychiatrischen Einrichtungen teil. So konnte ein lebendiger Trialog entstehen, der sich um einige Kernfragen der gesunden Geschwister, aber nicht nur von ihnen, drehte:

  • Das (beidseitige) Leid, den Kontakt zwischen den Geschwistern zu verlieren;
  • Nähe und Distanz: Eine schwierige Entscheidung, oder ein lebenslanger Regulationsprozess?
  • Die Gefühle der Schwestern und Brüder zu ihren erkrankten Geschwistern – von Natur aus widersprüchlich bzw. ambivalent;
  • Besondere Belastungen und besondere Lebenschancen gesunder Geschwister;
  • Die Rolle der „schwachen starken“ Schwester

Besonders eindrucksvoll schildert Gagi K., wie sie diese Rolle erlebt hat und ihren Weg gefunden hat, sich zu arrangieren.

Claudia Bach (2019)

Eine qualitative Studie. Masterarbeit an der Universität Kassel, Institut für Psychologie, Zusammenfassung

Beim APK-Selbsthilfetag am 5.12.2018 hat die Autorin eine Zusammenfassung der Studie mit den wichtigsten Ergebnissen präsentiert.

Geschwistertreffen am 10.11.2018 in Kassel

Reinhard Peukert (2019)

Der Bericht ist erschienen in der Psychosozialen Umschau 1/2019.

15 Jahre nach dem ersten bundesweiten Treffen von Geschwistern psychisch erkrankter Menschen (PSU 4/2003) hatte das voranderthalb Jahren gegründete GeschwisterNetzwerk (PSU 3/2017) zu einem Treffen nach Kassel eingeladen: Es kamen 32 Geschwisterkinder aus allen Teilen Deutschlands und aus fast allen Altersgruppen.

Der Wunsch nach Austausch, die erlebte Hilflosigkeit, die bedrängende Angst vor der Zukunft, wenn die Eltern versterben und sie selbst in eine diffuse, nicht vorhersehbare Verantwortung eintreten, motivierten viele der Geschwister zur Teilnahme, aber auch der schlechte Kontakt zum Hilfesystem, der erfahrene Mangel an Informationen und juristische Fragen.

Viel Raum nahmen die Versuche ein, mit den eigenen ambivalenten Gefühlen besser zurecht zu kommen, die typisch für viele Geschwisterkinder sind. So ist etwa die Gleichzeitigkeit von Wut und Ärger über das, was die Erkrankung in der Familie auslöst fast immer gepaart mit tiefer Zuneigung zum erkrankten Geschwister und zugleich mit der geradezu selbstverleugnenden Bereitschaft, den Eltern mit den eigenen Bedürfnissen und Anliegen nicht noch weitere Sorge bereiten zu wollen.

Besonders erfreulich: Nach dem Treffen gründete sich in Kassel eine regionale Geschwistergruppe.

Reinhard Peukert (2018)

Psychiatrische Praxis, 45(2), 106-110. Der vollständige Artikel ist kostenpflichtig.

Einleitung:

Am 6. Mai 2017 haben sechs Geschwister – fünf Frauen und ich selbst – das Netzwerk Geschwister psychisch kranker Menschen ins Leben gerufen und sofort eine Homepage mit einem Forum sowie verfügbarer Literatur eingerichtet. Wir waren und sind überzeugt: Es ist Zeit, dass wir Geschwister uns endlich öffentlich zu Wort melden.

Vor fast 15 Jahren habe ich selbst (damals bereits seit 25 Jahren Psychiatrie-Profi) begonnen, mich auf mein „Bruder-Sein“ zu besinnen. Um nicht allein darüber nachzudenken, ob und wie dies mein Leben (mit-)beeinflusst hat, habe ich mich zuerst in Berlin (2004), dann in Wiesbaden, in Hamburg und in Halle mit Geschwistern getroffen – heute gibt es erfreulicherweise sich regelmäßig treffende Gruppen in Hamburg, Berlin und München (Anschriften, Treffen etc. finden Sie auf unserer Homepage). Diese eigenständigen Gruppen sind entstanden, da sich die üblichen Angehörigengruppen als nicht hilfreich für Geschwister erwiesen haben. Die dort vor allem von Eltern eingebrachten Fragen und Themen sind nicht die von uns Geschwistern – gleichwohl sehen wir natürlich die großen Belastungen unserer Eltern. Neben den eigenen Erfahrungen sowie denen aus diesen Gruppentreffen gehen in die folgenden Überlegungen die Ergebnisse der drei deutschsprachigen empirischen Untersuchungen ein.

Zu diesem Artikel gibt es einen Nachtrag unter dem Titel: „Die Beziehung des erkrankten Kindes zu seinem gesunden Geschwister ist eine protektive Ressource!“ Unten der Link zum Aufsatz zu diesem bisher eher wenig beachteten Aspekt.

Reinhard Peukert (2017)

veröffentlicht in Psychosoziale Umschau 3/2017, S. 26

Einleitung:

Erst seit Kurzem melden sich Brüder und Schwestern psychisch erkrankter Menschen als eigenständige Gruppe mit ureigenen Problemen und Anliegen in der Angehörigenselbsthilfe zu Wort, dabei zeigen die wenigen Studien zu deren Situation: Die psychische Erkrankung eines Familienmitglieds bringt die gesamte Familie in Not –, aber es sind die Schwestern und Brüder, deren Rolle, Funktion und Bedeutung in der Familie am stärksten verändert werden. Sie sind es auch, die am seltensten vom Hilfesystem wahrgenommen werden und in ihren Familien in den Hintergrund rücken: Die gemeinsamen Eltern sind vollauf mit der Problematik der erkrankten Schwester bzw. des erkrankten Bruders beschäftigt – dies ist für die Eltern ein unvermeidbarer und zugleich belastender Tatbestand.

Gagi K. (2017)

veröffentlicht in Psychosoziale Umschau 3/2017, S.27

Neuerdings überkam mich wieder Panik. Panik, dass es dich nicht mehr gibt und ich die Scherben aufsammeln muss und alleine entscheiden muss, was nun mit meinem Bruder passiert.

Er bekommt keine Rente, besucht keinen Arzt, nimmt keine Hilfe an, geht nicht raus. …

Reinhard Peukert (2017)

Vortrag bei der Jahrestagung der APK "Verantwortung übernehmen" am 7. und 8. Nov. 2016

Zitat aus der Tagungsdokumentation:

Ein zentrales Ergebnis der vorliegenden Studien sowie meiner Gespräche vorne weg: Die Geschwister psychisch erkrankter Schwestern und Brüder fühlen sich häufig in ihren Herkunftsfamilien übersehen, aber auch in gemischten Angehörigengruppen; im Umgang mit professionellen Helfern geht die Einschätzung von „übersehen“ bis zu „missachtet“.

Thomas Bock, Stefanie Fritz-Krieger, Karin Stielow (2008)

veröffentlicht in Sozialpsychiatrische Information, 38(1), 23-31

Ausschnitt: Diskussion und Ausblick

Die Situation der Geschwister wird durch mangelhafte Gesprächsfähigkeit in der Primärfamilie und mangelhafte Gesprächsbereitschaft der Behandler sowie durch zusätzliche äußere Ereignisse erheblich belastet. Die eigene Rolle wird häufig als zwiespältig erlebt; sie ist gekennzeichnet von hoher Verantwortlichkeit, sowie Scham- und Angstgefühlen. Der Behandlungsbeginn entlastet die Geschwisterbeziehung, verstärkt andererseits aber (auch bei den Geschwistern) das Risiko der (Selbst-)Stigmatisierung sowie die Angst, selbst zu erkranken.

Die Qualität der Geschwisterbeziehung vor der Erkrankung ist meist wesentlicher Indikator für die Zeit danach. Ein direkter Kontakt zu den Behandlern kommt im Regelfall nicht zustande; das prägt das Bild der Psychiatrie als nicht hilfreich. Hilfe wird meist auch nicht bei der Primärfamilie, sondern bei Freunden und Partnern gefunden. Dabei geht es vor allem um die Überwindung von Schuld- und Angstgefühlen sowie um die Relativierung der eigenen Verantwortlichkeit. Gleichzeitig erleben viele Geschwister die eigene Situation im Nachhinein auch als positive Herausforderung; dazu passt, dass ein relativ hoher Anteil später einen sozialen Beruf ergreift. Welche Rolle Alter, Altersunterschied und Zeitpunkt der Erkrankung haben, muss in späteren Untersuchungen geklärt werden.

Die Perspektive der Geschwister lässt ein rein somatisches Krankheitskonzept fragwürdig erscheinen. Auch im Interesse der Geschwister sollte die Erstbehandlung früher als bisher, dabei aber umso vorsichtiger erfolgen, also weniger stigmatisierend, weniger stationär und weniger invasiv. Die Angehörigen und damit eben auch die Geschwister müssen früher wahrgenommen und gestützt werden.

Reinhard Peukert (2008)

Überlegungen im Anschluss an das Geschwistertreffen in Hamburg am 19.04.2008. Eine gekürzte Fassung ist in der Psychosozialen Umschau 3/2008 erschienen.

Ausschnitt:

Jede Zeit hat ihre Wunden und Lösungen …

Je nach dem,

  • wie lang der Zeitabstand zur Ersterkrankung ist, und
  • wie nahe das Ausscheiden der eigenen Eltern aus der Verantwortung zu erwarten oder bereits eingetreten ist

wandeln sich die Einflüsse, die sich aus der Erkrankung des Geschwisters auf die eigene Biographie ergeben.

Es wandeln sich die erlebten Belastungen, die wahrgenommenen Herausforderungen, die Wahrnehmung persönlicher Reifeprozesse aufgrund dieser Herausforderungen, aber auch der erkennbare sowie von den Geschwistern reklamierte Hilfebedarf verändert sich drastisch. Diese Wandlungen sind eingebettet in die unauflösbare Beziehung zur Schwester bzw. zum Bruder, wobei auch die Beziehung im biographischen Verlauf intensive Wandlungen erfährt.

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