Beiträge in: Wissenschaftl. Literatur

Reinhard Peukert, Leonore Julius (2019)

Bericht vom Eltern-Geschwister-Seminar am 27. Juli 2019 in Mainz

Die Fragestellung des Treffens war in der Einleitung klar umrissen:

  • Wie geht es weiter, wenn wir Eltern nicht mehr sind?
  • Was dürfen wir unseren gesunden Kindern zumuten?
  • Sind Geschwister nach dem Tod der Eltern verantwortlich für ihren erkrankten Bruder/Schwester?

Und am Ende der ganztägigen intensiven Beschäftigung mit den Fragen, die um diese Kernfragen kreisten, stand eine Erkenntnis unwidersprochen im Raum:

An dem Versuch, sich mit allen Beteiligten auf deren Anteile an Sorge, Unterstützung und direkter Hilfeerbringung zu verständigen führt kein Weg vorbei. Diese Klärung sollte so früh als möglich beginnen, denn es ist voraussichtlich ein längerer und häufig konfliktreicher Prozess.

Reinhard Peukert (2019)

Der Artikel wird veröffentlicht in der Psychosozialen Umschau 4/2019

Mitglieder des GeschwisterNetzwerks haben auf Einladung des Mainzer Angehörigenvereins Territorio ein Tagesseminar zum Thema „Wie geht es weiter, wenn wir Eltern nicht mehr sind?“ gestaltet, und eine Woche später ein Geschwistertreffen in Wiesbaden durchgeführt, ohne thematische Vorgaben.

Ein nur auf den ersten Blick überraschendes Ergebnis: In beiden Veranstaltungen wurden die gleichen Probleme formuliert bei deutlich unterschiedlichen, der jeweiligen familiären Rolle geschuldeten Erfahrungen.

Manfred Ziepert

Vortrag bei der Veranstaltung „20 Jahre Selbsthilfegruppe für Angehörige von psychisch kranken Menschen in Mainz“ am 16. Mai 2006

Viele, vielleicht die meisten Schwestern und Brüder mit einem erkrankten Geschwister erleben und durchleben diese Gefühle früher oder später. Dr. Ziepert zeigt, warum es so wichtig ist, diese Gefühle zuzulassen und dass sie, wenn wir richtig damit umgehen, Kraft geben, um uns vor Bitterkeit und Resignation zu schützen.

Auszug:

Vielleicht hat mancher bei diesem Thema gedacht: „Wieso gerade Trauer und Zorn? Soll das erstrebenswert sein? Gelungenes Leben – darunter verstehe ich Freude, Glück, Harmonie, Erfolg, Hoffnung, Sinnerfüllung. Dafür lebe ich doch – dass mir das im Leben wenigstens ein bisschen gelingt.“
Genauso sehe ich das auch. Es wird in meinem Vortrag um alles gehen, was das Leben lebenswerter macht. Weshalb nun dieses Thema? Trauer und Zorn – genau dies erleben wir, wenn das Leben gerade nicht gelingen will. Aber: Trauer und Zorn sind ganz wichtige Triebkräfte, die uns helfen können, wieder zu einem lebenswerten Leben zurückzufinden. Das heißt: sie sind nicht unser eigentliches Lebensziel, aber wir brauchen sie von Zeit zu Zeit, um das Ziel erreichen zu können. Deshalb: Trauer und Zorn sind lebensstiftende Kräfte – zumindest können sie es sein, wenn wir sie als Chance begreifen und wenn wir es schaffen, diese Chance zu nutzen. Wir dürfen auf der einen Seite nicht zulassen, dass Trauer und Zorn unser eigentlicher Lebensinhalt werden – was leider viel zu oft passiert. Andererseits dürfen wir sie nicht vermeiden, sondern wir müssen lernen, etwas damit anzufangen.

Manfred Ziepert

Vortrag; gehalten bei der Jahrestagung des Landesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in Rheinland-Pfalz im November 1999

Fast alle Angehörigen verspüren diese Ambivalenz; auch bei allen Treffen von Geschwistern und in unserem Forum spielt sie immer wieder eine Rolle. Dr. Ziepert legt dar: „Liebe und Abgrenzung – ein Widerspruch? Nein, im Gegenteil.“ Und er geht auf die Gefühle ein, die eine Abgrenzung behindern: Ohnmacht und Hilflosigkeit, Schuldgefühle, vermiedene Trauer und unterdrückter Zorn.

Sabine Bojanowski (2016)

Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Philosophie (Dr. phil.) eingereicht bei der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam

Auszüge aus Kapitel 8 (Gesamtdiskussion und Limitationen):

… Die Zielstellung der vorliegenden Arbeit war daher die umfassende Analyse von Geschwisterbeziehungen sowie die Entwicklung eines geeigneten Instrumentes zur Erfassung der Qualität von Geschwisterbeziehungen im Kindes- und Jugendalter. …

… In dieser Studie wurde bei den Kindern mit psychischen Störungen jeweils nur eine Sicht auf die Beziehungsqualität betrachtet: die Sicht des kranken Kindes. Demnach fehlen Einschätzungen der gesunden Geschwister und wie diese die Beziehung zu ihrem kranken Geschwister wahrnehmen. Auch wurde bei Kindern mit mehreren Geschwistern nur eine Geschwisterbeziehung erfragt. …

… Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Geschwister sowohl Chancen wie Risiken bedeuten. Wenn das Positive überwiegt, kann eine wertvolle, häufig lebenslange emotionale wie kognitive Ressource für alle Beteiligten entstehen. Vor dem Hintergrund der tiefgreifenden Bedeutung der Geschwisterbeziehung für das gesamte Leben und dem Einfluss dieser auf das psychische Wohlbefinden, sollten Geschwisterbeziehungen unbedingt Bestandteil der Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen sein. Es zeigte sich, dass eine Geschwisterbeziehung u.a. als Ressourcenpotential bei Kindern und Jugendlichen verstanden werden kann. Besonders im Hinblick auf die Unterscheidung einer positiven bzw. negativen Geschwisterbeziehung, kann dies für die Beratung und Psychotherapie genutzt werden. Die Geschwister sollten, ebenso wie die Eltern, in den Genesungsprozess mit einbezogen werden. Vor allem, wenn zwischen den Geschwistern eine konflikthafte Beziehung besteht. …

Reinhard Peukert und Gagi K. (2019)

Auszugsweiser Bericht vom Workshop des GeschwisterNetzwerks beim APK-Selbsthilfetag am 05.11.2018 in Berlin; der vollständige Bericht wir im APK-Band 45 erscheinen.

An dem Symposium nahmen neben Geschwistern von psychisch erkrankten Menschen auch einige erkrankte Geschwister sowie Mitarbeitende in psychiatrischen Einrichtungen teil. So konnte ein lebendiger Trialog entstehen, der sich um einige Kernfragen der gesunden Geschwister, aber nicht nur von ihnen, drehte:

  • Das (beidseitige) Leid, den Kontakt zwischen den Geschwistern zu verlieren;
  • Nähe und Distanz: Eine schwierige Entscheidung, oder ein lebenslanger Regulationsprozess?
  • Die Gefühle der Schwestern und Brüder zu ihren erkrankten Geschwistern – von Natur aus widersprüchlich bzw. ambivalent;
  • Besondere Belastungen und besondere Lebenschancen gesunder Geschwister;
  • Die Rolle der „schwachen starken“ Schwester

Besonders eindrucksvoll schildert Gagi K., wie sie diese Rolle erlebt hat und ihren Weg gefunden hat, sich zu arrangieren.

Claudia Bach (2018)

Eine qualitative Studie. Masterarbeit an der Universität Kassel, Institut für Psychologie, Zusammenfassung

Beim APK-Selbsthilfetag am 5.12.2018 hat die Autorin eine Zusammenfassung der Studie mit den wichtigsten Ergebnissen präsentiert.

Reinhard Peukert (2018)

Ergänzungen zum Beitrag in der Psychiatrischen Praxis 45(2), 106-110 (s.o.): Die unsichtbaren Angehörigen: Bruder oder Schwester eines psychisch kranken Menschen

Zusammenfassung:

Wir haben gesehen: Geschwisterbeziehungen gehören zu denen mit hoher Intensität bei großer Nähe und Verbundenheit – und durch die Erkrankung werden sie häufig noch enger (Bock u.a. 2008, S. 29) – mehr noch, die positiven Beziehungen sind eine Ressource für das psychisch belastete Geschwister, sie wirken protektiv und haben einen heilsamen Einfluss!

Das gemeinsame Erleben umfasst auch die Erlebnisse und Wahrnehmungen, die mit der starken psychischen Belastung des Geschwisters in Verbindung stehen; dabei nimmt das von den Mitgeschwistern mitgefühlte Leid der Schwester oder des Bruders eine herausragende Rolle ein.

Reinhard Peukert, Holger Simon (2017)

Bericht von einem Eltern-Geschwister-Treffen in Mainz

So lautete der Titel einer Tagesveranstaltung, zu der der Mainzer Angehörigenverein im Oktober 2017 Eltern eingeladen hatte, die in vorangegangenen Treffen ein Unbehagen geäußert hatten das sie immer dann fühlten, wenn sie an ihre gesunden Kinder dachten – denn ihnen war klar, dass die Belastungen und die Konzentration auf das erkrankte Kind an dem oder den gesunden Geschwisterkindern nicht spurlos vorbei gegangen sein kann.

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